Berliner Volksbank plant Befreiungsschlag in der Kapitalrechnung
Das Kapitalpolster der Berliner Volksbank hält nicht mit dem Kreditwachstum mit. Gemeinsam mit anderen Volksbanken steigt das Institut auf eine neue Berechnung um. Die Entlastung wäre enorm.

Es scheint beinahe so, als sei ein niedriger dreistelliger Millionenbetrag im Eigenkapital der Berliner Volksbank verpufft: Weil seit Anfang 2025 strengere Kapitalvorgaben gelten, sei die Kapitalquote der Bank zum Jahresbeginn rechnerisch um gut einen Prozentpunkt geschrumpft, sagt Finanzvorstand und Vizechef Daniel Keller im Gespräch mit PLATOW. Inklusive weiterer Effekte gab die Kernkapitalquote im Jahresverlauf von 16,4 auf 15,2% nach. Die Bank hat damit zwar vorerst genug Kapital. Starkes Wachstum ist allerdings nur mit weiteren Polstern möglich. „Für uns ist das ein Wettbewerbsthema“, sagt er.
Die gefallene Quote ist ein Makel einer sonst starken Bilanz, die Bankchef Carsten Jung im Gespräch stolz präsentierte. Der Kapitaleffekt ist Folge der Nachschärfung der EU-Verordnung CRR. In dem Regelwerk wird seit 2025 feiner aufgeschlüsselt, welche Risikogewichte Banken ihren Krediten zum Beispiel im Immobiliengeschäft zuordnen müssen. Zudem gelten nun strengere Schwellenwerte, ab wann genau ein Darlehen als vollständig besichert gilt.
Die Nachschärfung hat auch anderen Volksbanken die Rechnung erschwert, darunter die Frankfurter Volksbank und die Volksbank Darmstadt Mainz. Die Berliner, die in der gewerblichen Immobilienfinanzierung viele Wohnhäuser der Hauptstadt finanziert haben, spüren den Effekt besonders stark.
Kapitalquote soll um 4 Prozentpunkte springen
Doch noch viel größer wird die Entlastung sein, die in einigen Jahren auf die Volksbank zukommt: Bis ungefähr 4 Prozentpunkte könnte die Kapitalquote steigen, sofern die Bank die Risiken mit internen Ratings ermittelt, wie Keller schätzt. Die Bank ist eine von etwa zehn Genossenschaftsbanken, die an einem Projekt mit dem IT-Dienstleister Atruvia und der zugehörigen ParcIT arbeiten.
Gemeinsam wollen die Institute einen sogenannten IRBA-Ansatz entwickeln. Ähnlich wie Großbanken würden sie dann für die Berechnung der Kapitalquote die einzelnen Kredite individuell bewerten, anstatt pauschal mit dem Standardansatz Gewichte zu verteilen. Das Projekt ist teuer, weil die Häuser etwa ihr Datenmanagement, die Risikoüberwachung, das Reporting und die Innenrevision neu aufstellen und ausbauen müssen. Doch weil ein solcher Ansatz in Summe meistens zu niedrigeren Risikogewichten führt, bliebe den Banken mehr Raum für neues Kreditgeschäft. Im Jahr 2029 oder 2030 planen die Institute, einen Antrag bei der Aufsicht einzureichen. Auf diesen Moment warten auch Keller und Jung.
Sparkassen schreiten voran
Die Bank hat dabei auch die Berliner Sparkasse im Blick, die in der Rechtshülle der ehemaligen Landesbank Berlin bereits über eine Erlaubnis für einen IRBA-Ansatz verfügt. Auch die Sparkasse KölnBonn darf bereits mit einem eigenen Modell die Kapitalquote ermitteln. Die Sparkasse Hannover erhielt vor wenigen Tagen eine Lizenz, wie Vorstandschef Volker Alt zu Wochenbeginn der „Börsen-Zeitung“ sagte. Auch die Haspa bereitet sich auf einen Wechsel vor.
Das setzt die Genossenschaftsbanken unter Druck: Aus ihrem Kreis sind neben dem Zentralinstitut DZ Bank bereits die Apobank und die Münchener Hypothekenbank an Bord. Im laufenden IRBA-Projekt wiederum gibt die Volksbank Mittelhessen den Ton mit an. Die Genossen sehen Grund zur Eile. „Ganz kritisch ist es in den Regionen, wo eine Sparkasse schon mit IRBA-Zulassung unterwegs ist und wir noch keine haben“, sagte Sabine Curt, Generalbevollmächtigte der Volksbank Mittelhessen, im vergangenen Jahr auf einer Konferenz. Nicht alle großen Volksbanken ziehen allerdings mit. So scheut die Frankfurter Volksbank derzeit noch den Aufwand, wie Bankchefin Eva Wunsch-Weber in der vergangenen Woche ausführte.
Das Warten fällt Berlinern schwer
Für die Berliner Volksbank erscheint eine IRBA-Lizenz naheliegend: Das Institut mit annähernd 2.000 Beschäftigten verzeichnete im vergangenen Jahr ein rekordhohes Kreditneugeschäft von 4,4 Mrd. Euro und wuchs damit kräftig. Und das Institut hat noch reichlich Appetit. „Im Bereich der Immobilien- und Wohnraumfinanzierung ist gerade in Berlin noch deutlich mehr möglich“, sagt Bankchef Jung.
Die Bilanzsumme kletterte von 18,5 Mrd. Euro auf 20,1 Mrd. Euro, womit sich die Volksbank wieder vor die Frankfurter Volksbank setzte. Ein solides Ergebnis der normalen Geschäftstätigkeit von 203 Mio. Euro ließ Raum für Kapitaldotierung von 117 Mio. Euro – trotzdem fiel die Kapitalquote deutlich ab. Das Warten auf die IRBA-Entlastung wird für die Berliner eine Geduldsprobe sein.