Die Genossenschaftsbanken schieben den geplanten umfassenden Angriff auf die Neobroker auf die lange Bank und priorisieren neue Angebote im Kerngeschäft. Dies geht aus einem Schreiben von Cornelius Riese und André Haagmann, Chefs der DZ Bank und deren Fondstochter Union Investment, an die Primärbanken hervor. Das Schreiben liegt PLATOW vor. Demnach soll zunächst ab Oktober das Wertpapierangebot im Kerngeschäft mit einem neuen attraktiven Depotangebot ausgebaut werden. Der Preis je Transaktion wird voraussichtlich nur 90 Cent betragen. Die geplante neue Marke über die DZ-Bank-Tochter Geno Broker dagegen soll erst bis Ende nächsten Jahres an den Start gehen und bekommt enge Fesseln angelegt.

Diese weitreichenden Schritte beschloss der BVR-Verbandsrat in der vergangenen Woche. Die Beschlussvorlage ging stark auf die Bedenken der Ortsbanken ein. Diese fürchten durch das neue Angebot zur Gewinnung junger und/oder digital-affiner Kunden Zentralisierungstendenzen hin zur DZ Bank, eine Kannibalisierung der bestehenden Kundenbeziehungen sowie Einlagenabflüsse. Durch die deutliche Einhegung des geplanten Angebots beim Geno Broker fiel der Beschluss einstimmig aus, wie zu hören ist. Ziel sei, dass das neue Angebot für die Primärstufe akzeptabel und steuerbar sei.

Volksbanken verlieren Marktanteile

Im 50-köpfigen Entscheidungsgremium der Finanzgruppe gab es über einen Punkt Einigkeit: Der Kampf gegen die Neobanken und Neobroker muss endlich starten. Seit Jahren verlieren die Genossenschaftsbanken wie auch die Sparkassen Marktanteile im Depotgeschäft. Die Sparkassen sind mit der Weiterentwicklung des Depotangebots unter dem Namen „S-Neo“ schon einen großen Schritt weiter als die Volks- und Raiffeisenbanken.

Ähnlich heißt auch das geplante neue Angebot bei den Genossenschaftsbanken: „Mein Depot Neo“. Das Ziel ist ein bundesweit einheitliches Leistungsangebot. Es soll innerhalb der Banking-App neben den schon bestehenden Depots ab Oktober verfügbar sein und Fonds, Aktien, ETFs und Kryptoanlagen bieten. Bis zum Frühjahr 2027 sollen die Prozesse hierfür weiter digitalisiert werden und die Depoteröffnung voll standardisiert sein. Das Angebot soll schrittweise nutzerfreundlicher gestaltet werden. Für die Frühstartrente arbeiten Union Investment und der Versicherer R+V zusammen an einem gemeinsamen Produkt mit Depot und Versicherungsmantel. Beim neuen Altersvorsorgedepot basteln Union Investment, R+V und die Bausparkasse Schwäbisch Hall an untereinander abgestimmten Lösungen für verschiedene Kundenbedürfnisse.

Alle Ressourcen für Verbesserungen im Kerngeschäft

Wegen der vielen geplanten Bausteine sollen sich sämtliche Ressourcen der Gruppe auf den Ausbau des Wertpapierangebots im Kerngeschäft konzentrieren, heißt es in der Beschlussvorlage. Markt- und Wettbewerbsfähigkeit haben dabei oberste Priorität. Das Preismodell, das auf Augenhöhe oder besser als das der Neobroker sein soll, ist aber noch nicht umfassend ausgearbeitet. Während der Transaktionspreis für Privatkunden bei 90 Cent je Order liegen soll, sind die Kosten für die Depotführung unklar. Offen ist auch, ob die Gruppe nicht doch noch das preisgünstige Angebot der Sparkassen im Standarddepot der neuen Altersvorsorge kontert.

Durch ein attraktiveres Angebot im Wertpapiergeschäft hoffen die Genossenschaftsbanken nicht nur darauf, die Bestandskunden vom Fremdgehen zu Neobanken und Neobrokern abzuhalten. Sie versprechen sich davon auch neue Kunden.

Neue Marke im Potenzial stark eingeschränkt

Da aber der Ausbau im Kerngeschäft nicht reicht, hatten DZ Bank und Union Investment bereits vor geraumer Zeit den Projektauftrag zu „Zuwachs“ erhalten. Mit dem jüngsten Beschluss wird das Projekt nun zu einem festen Vorhaben. Dies ist angesichts der bestehenden Widerstände etlicher Ortsbanken durchaus ein Erfolg. Doch die Fesseln, die die Gruppe der neuen Marke anlegt, schränken ihr Wachstumspotenzial erheblich ein. Bis 2030 soll das neue Angebot als Basisszenario 400.000 Kunden gewinnen. Der Break-even wird frühestens 2034 erreicht. Die Investitionen werden von DZ Bank und Union Investment getragen.

Oberste Priorität hat dabei, dass die neue Marke die neu hinzugewonnenen Kunden so schnell wie möglich an die Ortsbanken überführt. Das überwacht ein neu einzurichtender Strategieausschuss. Noch ein weiteres Gremium in der hiervon ohnehin tendenziell überfrachteten Gruppe. Ein länglicher Governance-Katalog legt die engen Grenzen der neuen Marke fest. Es gibt feste Punkte, Anlässe und Zeitpunkte zur Übergabe der Kunden an die Ortsbanken. Die übernehmende Bank erhält eine Vergütung. Zu erreichende Durchleitungsquoten sollen festgelegt werden. Der Kunde soll schon kurz nach Depotabschluss sein Einverständnis zu Kontaktaufnahme und Beratungsgesprächen geben. Bei der Registrierung soll er angeben, ob er bereits Kunde einer Ortsbank ist.

Kein Ausbau zu einer Direktbank

Regelmäßig soll überprüft werden, ob die beim Geno Broker angesiedelten Funktionen auf die Primärbanken überführt werden sollen und ob es Kannibalisierungseffekte gibt. Jede Produkterweiterung des Geno Brokers braucht die Zustimmung des Verbandsrats. Die neue Marke beim Geno Broker soll auf keinen Fall eine Direktbank werden und allenfalls eine Zweitbankverbindung sein. Bereits bekannt war schon, dass das Mobile-Only-Angebot kein Girokonto umfasst, sondern nur ein verzinstes Verrechnungskonto und eine Bankkarte. Das Werbebudget soll klein ausfallen.

Und es geht noch weiter: Sollten der DZ Bank über die neu eingesammelten Einlagen beim Geno Broker Refinanzierungsvorteile entstehen, müssen diese über bessere Refinanzierungskonditionen an die Primärstufe zurückvergütet werden.

Bereits vor dem Anfang ist vom Ende die Rede

Der Verbandsrat und der Strategieausschuss entscheiden anhand der Leitplanken noch einmal vor dem offiziellen Start über den tatsächlichen Markteintritt der neuen Marke. Der Strategieausschuss muss die Einhaltung der Leitplanken und das Erreichen der noch näher zu bestimmenden Parameter alle sechs Monate überwachen. Die Zusammensetzung des neuen Gremiums soll im November feststehen. Sollte die neue Marke von den Vorgaben abweichen, könnten die Leitplanken angepasst oder aber auch das Ende von „Zuwachs“ beschlossen werden.

Den technischen Hintergrund für den Ausbau des Kerngeschäfts sowie für „Zuwachs“ liefern der gruppeneigene IT-Dienstleister Atruvia sowie der Wertpapierabwickler DWP Bank mit seiner neuen Tochter Lemon Markets. Zudem ist beim Frontend der externe Softwaredienstleister Adesso mit von der Partie.