Rentenreform: Finanzbranche kritisiert Kommissionsvorschläge
Eigentlich sollten Banken und Asset-Manager jubeln: Die Kapitaldeckung in der gesetzlichen Rente könnte Milliarden in ihre Portfolios und Produkte fließen lassen. Doch Feierlaune sieht anders aus.

Wie oft hat Norbert Blüm seine Aussage „Die Rente ist sicher“ wohl bereut? Die Alterssicherungskommission hat heute ihre Vorschläge für eine Rentenreform vorgelegt, in der Hoffnung, dass Blüm auch in den kommenden Jahrzehnten recht behält. Ein zentraler Bestandteil: mehr Kapitalmarkt. Das Altersvorsorgedepot ist damit quasi beschlossen.
Die Finanzbranche ist trotzdem nicht zufrieden. So begrüßt der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) zwar die Idee der Kapitaldeckung, aber die Vorschläge der Kommission seien noch nicht „ausgereift“. So sei beispielsweise noch ungeklärt, wie ein fairer Wettbewerb zwischen staatlichen und privaten Anbietern funktionieren könne.
Thomas Richter, Hauptgeschäftsführer des Fondsverbands BVI, kritisiert die Idee eines Staatsfonds als Teil der privaten Säule ebenfalls. Dort würde er den Wettbewerb verzerren. Er passe besser in die staatliche Säule.
Mehr Beinfreiheit für Pensionsfonds
Zudem fordert Richter eine noch stärkere Kapitaldeckung in der gesetzlichen Rentenversicherung, damit diese „langfristig weniger auf Steuerzuschüsse angewiesen ist“. „Im Altersvorsorgedepot, das ab 2027 die Riester-Rente ersetzt, sollten auch arbeitgeberfinanzierte Zahlungen möglich gemacht werden“, so Richter.
Mehr Fokus auf die betriebliche Altersvorsorge wünscht sich auch Ralf Lochmüller, Co-Gründer und Vorstand von Lupus Alpha AM, der sich auf der Karriere-Plattform Linkedin äußert. Er impliziert, dass die betriebliche Rente als „Nebenbaustelle“ behandelt wird, obwohl sie „als verpflichtendes Modell ins Zentrum der Reformagenda“ gehöre.
Ohne verpflichtende Betriebsrente ließe sich die Rentenlücke nicht schließen. meint Lochmüller. Zudem sei das „zu enge regulatorische Korsett“ ein „Problem für die spätere Rentenhöhe“ sowie „eine verpasste Chance für den Standort Deutschland“. Lochmüller wünscht sich Aktienquoten von mindestens 60%, mehr „Beinfreiheit bei der Kapitalanlage“ für Pensionsfonds und Gelder, die in „Zukunftsinvestitionen fließen“.
Ist mehr Kapitaldeckung finanzierbar?
Optimistischer ist das Deutsche Aktieninstitut (DAI), das sich in seinem Statement auf die gesetzliche Säule konzentriert. Henriette Peucker, geschäftsführende Vorständin des DAI, begrüßt den Vorschlag der Kommission, dass Bürger auch in der Altersvorsorge „von den Chancen des Kapitalmarkts profitieren“ sollen. Sie fordert, „dass es keine Garantien und keine Verrentung geben wird“.
Auch Melanie Kreis, Präsidentin des DAI, äußert sich positiv: „Die Einführung einer obligatorischen kapitalgedeckten Komponente in der gesetzlichen Rentenversicherung folgt erfolgreichen internationalen Vorbildern.“
Doch BVR-Präsidentin Marija Kolak mahnt: „Zentrale Fragen sind hier noch offen – etwa, wie ein Kapitalstock langfristig aufgebaut werden kann, ohne die Beitragssätze deutlich zu erhöhen. Bereits heute stellen die hohen Lohnnebenkosten eine große Herausforderung für den deutschen Mittelstand dar.“
Eine Gefahr, vor der auch das Institut für Deutsche Wirtschaft (IW) warnt. Mit dem zusätzlichen Beitragssatz, mit dem eine ergänzende, kapitalgedeckte Rente aufgebaut werden soll, könnte der gesamte Beitragssatz auf 23% steigen. „Das ist Gift für das Wachstum und gefährdet die Finanzierung des Sozialstaats – darauf haben jüngst auch die fünf Wirtschaftsweisen hingewiesen“, schreibt das IW.
Das Credo der Finanzbranche ist deutlich: Mehr Kapitalmarkt, ja bitte, aber besser durchdacht. Und einige Stimmen gehen noch weiter: Bitte noch mehr Kapitalmarkt und dafür weniger Staat und Regulierung. Keine überraschenden Wünsche.