Deutsche Bank – Europäischer Champion aus eigener Kraft?
Um europäischer Champion zu werden, müsste die Deutsche Bank auch ihre Stellung in Deutschland ausbauen. Doch die Commerzbank ist im Würgegriff der Unicredit. Deshalb greift Christian Sewing an anderer Stelle an.

„Das war definitiv ein Szenario, das wir im Blick hatten, kommentierte Deutsche Bank-Chef Christian Sewing am 17.3., einen Tag danach, auf der Morgan Stanley-Investorenkonferenz das zuvor von Unicredit angekündigte Übernahmeangebot für die Commerzbank. Noch sei zwar unklar, ob es zu einer Übernahme kommt, die Deutsche Bank müsse aber immer darauf vorbereitet sein, um davon zu profitieren und neue Kunden zu gewinnen, so Sewing in London. Natürlich kann es die Deutsche Bank nicht kaltlassen, wenn sich direkt vor ihrer Haustür ein europäischer Rivale breitmachen will. Deshalb beobachtet die Deutsche Bank den Übernahmekampf um die Commerzbank sehr genau, auch wenn Sewing stets so tut, als sei das für ihn nur ein Nebenkriegsschauplatz.
Dabei weiß Sewing nur zu genau, dass die internationale Bedeutung und die Bewertung einer Bank wesentlich von ihrer Position im nationalen Heimatmarkt abhängt. In seiner neuen Strategie hat Sewing die Vision ausgegeben, die Deutsche Bank zu einem europäischen Champion machen zu wollen, mit der Marktführerschaft in den wichtigsten Segmenten, Spitzenwerten beim Ausschüttungsniveau und marktführenden Renditen. Die, gemessen an der Marktkapitalisierung, deutlich größeren Wettbewerber Santander und BBVA in Spanien, BNP Paribas in Frankreich und Intesa sowie Unicredit in Italien profitieren vor allem von ihrer Dominanz in ihren jeweiligen Heimatmärkten.
In Deutschland dominieren Sparkassen und Genobanken
Eine ähnlich führende Rolle ist für die Deutsche Bank in ihrem Heimaltmarkt trotz der zuletzt beachtlichen Fortschritte beim Wachstum und der Profitabilität ihres Firmen- und Privatkundengeschäfts kaum zu erreichen. Denn anders als in Frankreich, Spanien und Italien, wo sich wenige Großbanken den Markt weitgehend aufteilen, wird in Deutschland das Privat- und Firmenkundengeschäft zu fast zwei Dritteln von den Sparkassen und Genossenschaftsbanken beherrscht. Mit dem Finanzplatz-Briefing erhalten Sie dreimal pro Woche um 6 Uhr morgens exklusive Einblicke, die Sie sonst nirgendwo finden: Recherchen, Analysen, Einordnungen. Kurz und auf den Punkt. Weitere Informationen zum Datenschutz finden Sie hier.PLATOW Finanzplatz-Briefing
Um in Deutschland einen Wachstumssprung zu vollziehen, wäre die Commerzbank für die Deutsche Bank sicher ein interessantes Übernahmeziel. Doch solange Unicredit-Chef Andrea Orcel die Commerzbank im Würgegriff hält, sind Sewing die Hände gebunden. Wohl vor allem deshalb hält Sewing mit Blick auf die Commerzbank den Ball betont flach und ließ auf seiner Bilanz-PK Ende Januar einmal mehr verlauten, dass Übernahmen für ihn ohnehin keine Priorität haben. Das könnte sich jedoch ändern, sollte Orcel bei der Commerzbank doch scheitern.
Sewings Bluechip
Die Dominanz der Sparkassen und Genossenschaftsbanken hat die Deutsche Bank bereits in den 1980er-Jahren veranlasst, ins Investmentbanking einzusteigen, das in den 1990ern ebenso wie die globale Präsenz massiv ausgebaut wurde. Das Investmentbanking gilt jedoch als sehr volatil und war in der Vergangenheit oft Quell so manch teurer Skandale. Strategisch ist es jedoch Sewings Bluechip für seine Champions League-Ambitionen. Der bekennende FC Bayern-Fan will die Deutsche Bank als europäische Alternative zu den übermächtigen US-Banken positionieren und damit den heimstarken europäischen Rivalen etwas entgegensetzen, über das sie selbst kaum verfügen – ein global operierendes Investmentbanking.
Ein Selbstläufer wird das für die Deutsche Bank allerdings nicht, eher ein mühsamer Häuserkampf um jeden neuen Kunden. Das weiß auch Sewing, der statt großer Sprünge eine Schritt für Schritt-Strategie verfolgt. Dabei will er nicht zuletzt auch von der seit Ausbruch des Iran-Kriegs nochmals stark zugenommenen geopolitischen Unsicherheit profitierten. Denn in einem solchen Umfeld würden die Kunden mehr Beratung und mehr Risikomanagement benötigen. „Wie wir Tag für Tag sehen, wächst damit der Wunsch der Kunden nach einer Alternative zu den US-Banken, wenn es um globale Bankgeschäfte geht“, frohlockte Sewing auf der Morgan Stanley-Konferenz.
Deutsche Bank-Aktie leidet überproportional
Doch auch die Kehrseite der Medaille bekommt die Deutsche Bank gerade bitter zu spüren und bremst ihre im vergangenen Jahr kräftig an Fahrt gewonnene Aufholjagd in Sachen Marktkapitalisierung. Seit Jahresanfang verlor die Deutsche Bank-Aktie rund 25% an Wert, während der europäische Bankenindex Euro Stoxx Banks nur um gut 10% nachgab. Allein seit Ausbruch des Iran-Kriegs am 28.2. ging es für die Deutsche Bank-Aktie um 18% abwärts.
Zum Verhängnis wurde der Deutschen Bank ausgerechnet ihre durchaus bedeutende Stellung im deutschen Heimatmarkt, in dem sie immerhin 40% ihrer Erträge generiert. Gilt die ohnehin unter hohen Energiepreisen leidende deutsche Konjunktur doch als besonders anfällig für den vom Iran-Krieg ausgelösten Ölpreis-Schock. Noch scheinen die Analysten allerdings an ein baldiges Ende der Kampfhandlungen zu glauben. Bislang sehen die relevanten Analysten jedenfalls noch keinen Anlass, ihre Kursziele für die Deutsche Bank nach unten zu korrigieren.