Vom Kleinen ins Große. Während auf der Hauptbühne der Digital Finance in Frankfurt große Namen über digitalen Euro, Krypto und die technische Emanzipation von den USA debattierten, tauschten sich die eigentlichen Macher der  Fintechs in den Gängen und Hinterzimmern über ihre eigene Revolution aus: den Angriff auf die Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Genau das war auch schon das Erfolgsrezept von Revolut: erst Nischen besetzen, dann den Markt erobern. „Der große Bauch der Banken – viele Sparkassen und Genossen – hat zu wenig Nischenkultur und es fehlt an Mut zu Innovationen. Genau dort sehen Fintechs ihre Chance“, sagt uns Karl im Brahm, CEO von Objectway, einer Plattform für skalierbares Banking, Asset- und Wealth Management.

Viele der traditionellen Häuser sind zu langsam

Das Feld der Kreditvergabe – besonders für kleine und mittlere Unternehmen – ist in den Augen der Fintechs die Achillesferse der Banken: zu viele Genehmigungsstufen, langsame Prozesse, oft noch händische Bearbeitung statt KI. „Einige Banken haben an dieser Stelle den Zug verpasst“, erklärt Amadeus von Kummer, Managing Director bei Teylor. Er muss es wissen, schließlich hilft sein Unternehmen Banken dabei, Kreditentscheidungen schneller zu treffen, indem u.a. Daten schnell und entscheidungsfähig aufbereitet werden.

Dass selbst große Häuser noch Luft nach oben haben, erklärt Marco Li Mandri, Head of Advanced Analytics Strategy bei der ING Group, frisch von der Vortragsbühne kommend: „Wir haben rund 50 digitale Projekte am Laufen – ein Kernpunkt ist, wie wir mit KI Kredite schneller und sicherer vergeben können.“

Knackpunkt Kleinunternehmen 

Auch Tuomas Toivonen, Co-Founder und CEO von Holvi, das Banking für Selbstständige und KMU anbietet, sieht Lücken bei den klassischen Banken: „Kleine Unternehmen und Freelancer werden noch immer nicht richtig bedient.“ Holvi reagiert darauf, automatisiert Buchhaltung und Zahlungsprozesse, sodass selbst kleinste Unternehmen effizienter arbeiten können. „Alle Routinen lassen sich automatisieren, es macht keinen Sinn, dass ein Mensch die Buchungen manuell erledigt“, ergänzt Toivonen.

Ähnlich wie Holvi positioniert sich Tide, eine Finanzplattform mit britischer Mutter. Tide hat vor allem Selbstständige im Visier: „Ob Geschäftskonten, Tools zur Rechnungsstellung oder Finanz-Einblicke – wir wollen den Geschäftsalltag unserer Kunden so reibungslos wie möglich machen“, sagt uns Anna Fromme-Schoen, Deutschlandchefin von Tide.

Geschwindigkeit macht den Unterschied

Der Vorstoß der Fintechs erfolgt nicht stürmisch, sondern gezielt. Sie erschließen Bereiche, in denen traditionelle Banken noch hinterherhinken, und bauen Schritt für Schritt Marktanteile auf. Ihre größte Stärke ist die Geschwindigkeit. „Revolut, Trade Republic, N26 – Kunden erleben Digitalisierung direkt am iPhone, die Produktwelten werden innerhalb eines Jahres ausgerollt. Klassische mittelgroße Banken brauchen dafür oft zehn Jahre“, analysiert Karl im Brahm. Ein weiterer Vorteil: Die Fintechs sind oft schlanker aufgestellt als Genossen oder Sparkassen, Holvi beschäftigt bspw. 150 Personen, sodass die Jungunternehmen ihre Leistungen häufig günstiger anbieten können.

Ob die Fintechs die Genossen überholen, bleibt offen. Sicher ist jedoch, dass in Deutschland noch Platz für Anbieter wie Holvi und Tide ist. „Während in UK Neobanken bereits über 60% des Marktes bedienen, liegt ihr Anteil in Deutschland bisher geschätzt bei rund 5–7 %“, sagt Fromme-Schoen. Ob dieser Hinweis eine versteckte Kampfansage war?