Sicherheitslücken bei Sparkassen-Schließfächern? Experten ziehen Bilanz
Wie sicher sind Sparkassen-Schließfächer wirklich? Experten warnen vor unzureichenden Schutzmaßnahmen und sehen in vielen Fällen Handlungsbedarf.

Wie sicher sind Sparkassen-Schließfächer wirklich? Der Einbruch in der Sparkassenfiliale Gelsenkirchen-Buer erregt weiter bundesweit Aufsehen: Täter drangen gezielt in den Tresorraum ein, öffneten mehr als 3.000 Schließfächer und entwendeten Wertgegenstände im geschätzten Umfang von mehr als 100 Mio. Euro. Das liegt weit über der vertraglich versicherten Summe, wie PLATOW berichtet hat, Leere Schließfächer blieben unversehrt, was nach bisherigen Ermittlungen auf detailliertes Insiderwissen der Täter hindeutet.
Der DSGV betont, dass es sich bei Gelsenkirchen um einen Extremfall handle, nicht um ein Alltagsrisiko. Die Institute seien geschäftspolitisch selbstständig und setzten je nach Lage angepasste, standortbezogene Sicherheitskonzepte um, etwa für Innenstadtfilialen. Bei Sicherung und Wartung arbeite man regelmäßig mit spezialisierten Fachfirmen zusammen. „Wir sichern nach dem anerkannten Stand der Technik, setzen auf moderne Standards, behördliche Abstimmung und regelmäßige Überprüfungen in Zusammenarbeit mit Fachfirmen.“ Eine pauschale Kostenschätzung lasse sich seriös nicht abgeben, betont der DSGV auf Anfrage von PLATOW zu den Kosten solcher Sicherheitsmaßnahmen. Zudem gehörten konkrete Sicherheitsdetails in den Austausch mit Behörden, nicht in die Öffentlichkeit, so der Verband auf konkrete Nachfrage zu einzelnen Details der Maßnahmen.
Sicherheitstechnik auf dem Prüfstand
Diese Darstellung bezweifeln Experten und sehen erhebliche Sicherheitslücken. Jürgen Hennemann, Fachanwalt für Versicherungsrecht, der seit Jahren Mandanten nach Schließfacheinbrüchen vertritt, kritisiert: „Seit zwölf Jahren wiederholen die Sparkassen die Plattitüde, dass ihre Technik auf dem Stand der Technik sei. In der Praxis trifft das jedoch längst nicht überall zu.“
Er verweist auf den Fall Norderstedt 2021: Damals wurden rund 650 Schließfächer aufgebrochen. Dort habe „ein einzelner, zudem falsch platzierter Bewegungsmelder auf Baumarkt-Niveau 1.500 Schließfächer sichern sollen“. Ein Sachverständiger habe laut Hennemann festgestellt, dass diese Sicherung nicht ausreiche.
In Gelsenkirchen sei die Lage laut dem Experten noch gravierender gewesen, so dass die Täter 46 Stunden ungestört arbeiten konnten. „Nur eine Kombination aus Flächenüberwachung und Körperschallmeldern begrenzt die Täter auf rund 20 Minuten. Alles andere ist unzureichend“, betont Hennemann.
Ulrich Weynell, Vorstand bei ISN Technologies, ergänzt die technische Perspektive: Moderne Absicherung umfasse intelligente Videosicherung mit „Peopledetection“, akustische Melder, Lichtüberwachung sowie die Aufschaltung auf eine zertifizierte Sicherheitsleitstelle, die rund um die Uhr sofort reagieren könne. Sicherheitsstandards seien heute finanziell leicht darstellbar und sowohl bei Neubauten als auch bei Nachrüstungen „einfach zu realisieren“. Die Kosten für eine professionelle Sicherung eines Wertschutzraums liegen laut dem Experten in der Regel zwischen 15.000 und 20.000 Euro, abhängig von Größe und Lage. Weynell warnt: Innerhalb der Sparkassen herrschten „sehr unterschiedliche Sicherheitsauffassungen“, was das Risiko für Kunden erhöhen könne.
Imageschaden und Vertrauen
Die Fälle Gelsenkirchen und Norderstedt zeigen, dass nicht nur die Technik, sondern auch die Kommunikation der Institute kritisch gesehen wird. Viele Geschädigte sind wütend und berichten, dass Sparkassen auf Nachfragen ausweichend reagieren und aus Angst vor Haftungsforderungen den Eindruck vermitteln, Schäden herunterzuspielen. Weynell spricht von einem beschädigten „Urvertrauen“ der Kunden, das durch die öffentlich gewordenen Vorfälle erschüttert worden sei.
Hennemann fordert Konsequenzen: Die überwiegende Mehrheit der Sparkassen verdiene zwar das Vertrauen ihrer Kunden. Doch einige Vorstände und Funktionäre „handeln nach wie vor nicht, obwohl ihnen Risiken und Sicherheitsmängel bekannt sind“. In diesen Fällen müssten „endlich Konsequenzen gezogen werden“.
Der DSGV und die betroffenen Sparkassen bewegen sich auf einem schmalen Grat zwischen Transparenz und Selbstschutz. Zwar betonen die Institute ihr Mitgefühl mit den Geschädigten und verweisen auf hohe Sicherheitsstandards. Zugleich vermeiden sie vor dem Hintergrund laufender und angekündigter Klageverfahren Aussagen, die als Eingeständnis konkreter Mängel verstanden werden könnten. Angesichts eines Gewinns von 3,6 Mio. Euro im Jahr 2024 würde ein Schaden von etwa 100 Mio. Euro zuzüglich Rechtskosten eine definitiv spürbare, wirtschaftliche Belastung für die Sparkasse Gelsenkirchen-Buer darstellen.