Warum die Deutsche Bank eine feindliche Übernahme nicht fürchtet
Im Vergleich zu anderen europäischen Großbanken ist die Deutsche Bank kaum mehr als ein Mittelgewicht. Dennoch gibt es einen Grund, weshalb die Deutsche Bank das Schicksal der Commerzbank nicht fürchten muss.

Als große Chance, neue Kunden für die Deutsche Bank zu gewinnen, sieht Vorstandschef Christian Sewing die bevorstehende Übernahme der Commerzbank durch die italienische Unicredit. „Wenn wir davon nicht profitieren, würden wir etwas falsch machen“, ließ Sewing Anfang September auf dem „Handelsblatt-Bankengipfel“ verlauten. Doch gefallen dürfte Sewing das Treiben von Unicredit-Chef Andrea Orcel direkt vor der Haustür der Deutschen Bank kaum. Mit der von Orcel geplanten Fusion von Commerzbank und HVB erwächst der Deutschen Bank in ihrem Heimatmarkt ein Konkurrent, der im Firmen- und Privatkundengeschäft mit dem deutschen Branchenprimus auf Augenhöhe agiert.
Ganz so kalt, wie der Deutsche Bank-Chef vorgibt, lässt ihn die Commerzbank-Übernahme deshalb nicht. Den seit nunmehr zwei Jahre tobenden Übernahmekampf um die Commerzbank hat die Deutsche Bank denn auch aufmerksam verfolgt. Auch das Geschehen auf dem europäischen Bankenmarkt haben die Frankfurter auf dem Radar. Denn mit seinem Griff nach der Commerzbank hat Orcel gezeigt, dass grenzüberschreitende Akquisitionen auch ohne die Vollendung der EU-Bankenunion möglich sind.
Große Zukäufe stehen nicht auf Sewings Agenda
Von eigenen Übernahmeambitionen will Sewing jedoch weiterhin nichts wissen. Die Deutsche Bank setze auf ihre Eigenständigkeit und organisches Wachstum, bügelt Sewing das Thema regelmäßig ab. Bei einem Zusammenschluss mit einer anderen europäischen Großbank droht der Deutschen Bank die ungeliebte Rolle des Juniorpartners. Denn mit Blick auf die Marktkapitalisierung, also die harte Währung bei Fusionen, sieht die Deutsche Bank mit ihren 57 Mrd. Euro im Vergleich zu Santander (172 Mrd. Euro), BBVA (128 Mrd. Euro), Unicredit (116 Mrd. Euro) oder BNP Paribas (100 Mrd. Euro) ziemlich schmalbrüstig aus. Lediglich die französische Société Générale bringt mit 47 Mrd. Euro weniger auf die Waage.
Angesichts dieser Übermacht hätte die Deutsche Bank reichlich Grund zur Sorge, selbst zum Übernahmeopfer zu werden. In den Frankfurter Doppeltürmen sind sie jedoch davon überzeugt, dass ihnen das Schicksal der Commerzbank erspart bleibt. Sewing begründete das beim „Bankengipfel“ mit dem Erfolg der Deutschen Bank, der „uns genügend Schutz“ gebe. Darauf baute allerdings auch Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp, die ihre Abwehrstrategie auf steigende Gewinne, hohe Ausschüttungen an die Aktionäre und einen steigenden Aktienkurs ausrichtete. Das ist ihr zwar überraschend gut gelungen, half Orlopp aber nicht, die feindliche Übernahme abzuwenden.
Giftpille Investmentbanking
Anders als die Commerzbank verfügt die Deutsche Bank jedoch über eine Giftpille, die zumindest die europäischen Schwergewichte vor einem Angriff abschrecken dürfte. Die Deutsche Bank ist die einzige europäische Großbank, die über ein dominierendes Investmentbanking mit einem starken Standbein in den USA verfügt. Ein potenzieller Angreifer aus Spanien, Frankreich oder Italien würde sich somit erhebliche Risiken einkaufen, die er mangels Erfahrung im Investmentbanking und eines angemessenen Risikocontrollings nur schwer beherrschen könnte. Auch dürfte vielen Investoren der europäischen Großbanken, die in ein weniger schwankungsanfälliges Privat- und Firmenkundengeschäft investiert haben, die starke Volatilität des Investmentbankings nicht gefallen.