Eine traumhaft niedrige Aufwand-Ertrag-Relation von 22%, stets solide Vorsteuergewinne in mittlerer zweistelliger Millionenhöhe und von den Kollegen der PLATOW Börse als „der nächste Dividendenaristokrat“ geadelt – all das war einmal. Seit der Zinswende 2022 steht die Umweltbank für einen Einbruch der Zinserträge, Verlustjahre, Bafin-Sonderprüfung und Kursverfall. Erst jetzt fasst das Nürnberger Institut wieder Tritt. Im Interview mit PLATOW wirbt Bankchef Dietmar von Blücher für seine Bank. Anfang 2024 hatte er das Amt von Jürgen Koppmann übernommen.

Früher war das Institut „die profitabelste Bank in Deutschland“, sagt der Manager, doch daran habe sich die Bank zu sehr gewöhnt. „Solange die Geschäfte sehr gut laufen, sind der Veränderungsdruck und die Innovationsbereitschaft gering“, sagt er. „Das war die klassische Falle.“

Erstaunt über die Geschwindigkeit

Seit seinem Antritt warf der Manager riskantere Anleihen aus der Bilanz, trieb den Verkauf von Immobilien und Beteiligungen voran, arbeitete die Vorgaben der Bafin-Sonderprüfer von PwC ab und löste nach eigener Darstellung einen Knoten im Kundenservice. Schon unter seinem Vorgänger hatte die Bank im Jahr 2023 einen Wechsel des Kernbanksystems zur Atruvia gestemmt. „Eine Transformation einer Bank in dieser Geschwindigkeit habe ich noch nicht gesehen“, sagt von Blücher. Doch der frühere Vorstand der Comdirect und der Baader Bank muss noch Überzeugungsarbeit leisten.

Sein Umbau war riskant, wie wir bereits berichtet haben. Nun ist der freie Fall gestoppt: Nach zwei Verlustjahren vollendete die Bank das Geschäftsjahr 2025 mit einem bescheidenen Gewinn von 6,4 Mio. Euro vor Steuern. Die Bafin zog die Prüfer von PwC als Sonderbeauftragte vergangenen Juli ab und reduzierte vor wenigen Wochen die Kapitalaufschläge für die Bank um 0,6 Prozentpunkte auf 15,0%. Mit einer Quote von 16,8% bleibt somit etwas Luft für Wachstum. Doch dafür mussten die Aktionäre die Verwässerung ihrer Anteile akzeptieren: Eine Kapitalerhöhung von 20,7 Mio. Euro im September 2025 ist vollzogen.

Börse glaubt nicht an Erholung

Das Vertrauen der Kapitalmärkte fehlt. Magere 3,86 Euro betrug der Kurs zur Wochenmitte – nach mehr als 22 Euro in der Spitze im Jahr 2021. Die Bank steuert mit ehrgeizigen Zielen gegen. Das tief gefallene Kreditneugeschäft von 120 Mio. Euro im Jahr 2025 soll auf 450 Mio. Euro in diesem Jahr und 650 Mio. Euro im Jahr 2028 steigen. Die bereits auf 4,3 Mrd. Euro angeschwollenen Privatkundeneinlagen werden laut Plan bis dahin auf 6,2 Mrd. Euro wachsen. Das Ergebnis vor Steuern soll deutlich über der Marke von 40 Mio. Euro rangieren.

Das klingt für viele zu schön, um wahr zu werden. An der Börse notiert die Aktie mit einem Kurs-Buchwert-Verhältnis nahe 0,4. Erst im Dezember 2025 hatte die Aktie ihren langjährigen Tiefpunkt mit einem Preis von 3,25 Euro erreicht. Große Sprünge stehen aus. Das wurmt von Blücher. „Als Vorstand steht es mir nicht zu, zu bewerten, wo der Aktienkurs stehen sollte“, sagt er – insinuiert aber mit Verweis auf das Kurs-Buchwert-Verhältnis und Analystenschätzungen einen deutlich höheren Wert.

Grün allein reicht nicht

Der Ausstieg eines Konkurrenten kommt derweil zur richtigen Zeit: Die Triodos Bank verlässt den deutschen Markt und gibt das Geschäft auf – und empfiehlt ihren Kunden den Wechsel zur Umweltbank. Von einem geschätzten Einlagenvolumen von 400 Mio. Euro von privaten Kunden der Triodos will die Umweltbank rund die Hälfte vereinnahmen.

Das erhoffte Kundenwachstum von zuletzt 184.000 auf rund 500.000 im Jahr 2028 führt allerdings zu einer Akzentverschiebung: Nicht allein Nachhaltigkeit, sondern vor allem Preis und Leistung sollen als Kundenmagnet dienen. Von Blücher sieht einen „Attitude-Behaviour-Gap“. Auf Deutsch: „Fast jeder Mensch findet Nachhaltigkeit wichtig, doch die Bereitschaft, dafür Abstriche bei Leistung oder Preis zu machen, ist leider überschaubar.“ Daher schwebt ihm eine „digitale, coole, persönliche, preisattraktive Bank“ vor, „die dann auch noch nachhaltig ist“.

Abstriche in der Umweltliebe will die Bank aber nicht machen. Abstriche bei den Wachstumszielen aber sicher auch nicht.

 

Lesen Sie hier das vollständige Interview:

Herr von Blücher, Sie sind bereits seit gut zwei Jahren Chef der Umweltbank. Seitdem hat sich der Aktienkurs von annähernd 8 Euro auf unter 4 Euro mehr als halbiert. Warum?

Als Vorstand steht es mir nicht zu, zu bewerten, wo der Aktienkurs stehen sollte. Wir können nur durch eine umfangreiche und transparente Kommunikation einen Beitrag leisten. Hier hilft auch der Blick auf Bewertungskennzahlen. So beträgt die Marktkapitalisierung der Umweltbank 160 Mio. Euro, während das Eigenkapital bei rund 400 Mio. Euro liegt – was einem Kurs-Buchwert-Verhältnis von 0,4 entspricht. Am Ende müssen sich die Marktteilnehmer eine Meinung bilden, ob das attraktiv ist. Mit Blick auf die Analysten wird derzeit ein Kurs von 7 bis 9 Euro als fair betrachtet.

Die Bank hat 2023 und 2024 operativ Verlust geschrieben, 2025 lag das Ergebnis vor Steuern bei mageren 6,4 Mio. Euro. Das Vertrauen ist noch nicht zurück.

Hinter uns liegen zwei Jahre intensiver Transformation. In dieser Zeit haben wir die Bank organisatorisch komplett neu aufgestellt, die regulatorische Aufstellung gestärkt und haben parallel auf deutliches Wachstum gesetzt. Trotzdem können wir bereits nach zwei Jahren wieder ein positives Ergebnis vorweisen. Nun werden wir das operative Ergebnis kontinuierlich steigern.

Wie wollen Sie das erreichen?

Wichtig ist, die Bank auf einem Wachstumspfad zu halten. Wir haben die Privatkundeneinlagen in den letzten zwei Jahren um 2 Mrd. Euro gesteigert, wir haben das Kapital um 21 Mio. Euro erhöht und ein Girokonto als Ankerprodukt eingeführt. Das ist ein starkes Fundament. 2026 wollen wir im Kreditgeschäft wieder durchstarten. Im Privatkundengeschäft gilt es, weitere Effizienzen zu heben und den Vertrieb zu stärken.

Bis vor Kurzem war die Aufsicht bei Ihnen Dauergast. Die Wirtschaftsprüfer von PwC waren für die Bafin als Sonderbeauftragte im Haus.

Wir waren in einem intensiven und kritischen Dialog mit der Aufsicht, der aber insgesamt positiv war. Wir haben intensiv an der Wiederherstellung der ordnungsgemäßen Geschäftsordnung gearbeitet. Im Juli 2025 hat die Bafin den Sonderbeauftragten abgezogen. Im April 2026 erfolgte eine erste Absenkung der aufsichtlichen Kapitalaufschläge um 60 Basispunkte. Am Ende ist eine enge Überwachung der Aufsicht auch vertrauensbildend für den Kapitalmarkt, aber auch für unsere Kundinnen und Kunden.

Sie können eine Institution umbauen. Aber können Sie auch Wachstum?

Wir haben den Wechsel des Kernbankensystems im Jahr 2023 hinter uns, einen Abbau der Risiken im Jahr 2024 und die Rückkehr zur Profitabilität im Jahr 2025. Trotz tiefgreifender Transformation haben wir über 50.000 neue Kundinnen und Kunden gewonnen und nachhaltige Projekte mit einem Volumen von knapp 400 Mio. Euro finanziert. Gleichzeitig haben wir noch reichlich Effizienzpotenzial zu heben!

Effizienzpotenzial? Klingt nach Rotstift.

Es geht hier eher darum, die Voraussetzungen für Wachstum und Skalierung zu schaffen. So automatisieren wir Prozesse mit Robotic Process Automation oder haben eine KI-gestützte automatisierte Gesprächsaufzeichnung. Indem wir diese Effizienzen heben, geben wir den Mitarbeitern mehr Raum für wertschaffende Tätigkeiten rund um den Kunden.

Also keine Kürzungen im Personal?

Mit 360 Vollzeitstellen zum Jahresende 2025 haben wir das Team sogar noch gestärkt. Ein Stellenabbau ist nicht geplant. Im Rahmen eines Kosten- und Effizienzprogramms werden wir den Sachaufwand in diesem Jahr um 30% reduzieren, etwa durch Kürzungen des Beratungsaufwands. Im vergangenen Jahr haben wir die Maßnahmen bereits durchgezogen, sodass wir mit 13 Mio. Euro weniger Sachaufwand unterwegs sind. Davon planen wir, bis zu 6 Mio. Euro in Wachstumsmaßnahmen zu reinvestieren.

Gerade die Pläne für das Kreditneugeschäft sind ambitioniert. 120 Mio. Euro hat die Umweltbank im Jahr 2025 zugesagt. Jetzt nehmen Sie sich 450 Mio. Euro für 2026 vor, für 2028 sogar 650 Mio. Euro.

Durch die erhöhten Kapitalanforderungen mussten wir das Kreditwachstum in den Vorjahren bewusst bremsen. Nach der Kapitalerhöhung im vergangenen Jahr und einer ersten Absenkung der aufsichtlichen Kapitalaufschläge wollen wir nun wieder aufs Gaspedal treten. Mit Blick auf unsere Kreditpipeline rechnen wir in den ersten drei Quartalen mit einer Kreditvergabe von 300 Mio. Euro. Darüber hinaus liegen weitere Kreditanfragen im Volumen von 500 Mio. Euro vor, von denen sich rund 150 Mio. Euro materialisieren sollten. Das Gesamtjahresziel halten wir daher für erreichbar!

Die Umweltbank finanziert energieeffiziente Immobilien und erneuerbare Energien. Gibt es hier genug Nachfrage für ihr Geschäft?

Die Pipeline im Energiebereich ist gut gefüllt. Im Immobilienbereich hinkt der Markt noch etwas hinterher, aber wir nehmen erste Anzeichen einer Erholung wahr. Zudem sind einige Banken nicht mehr so aggressiv im Markt unterwegs.

Neuerdings will die Umweltbank auch Energiespeicher finanzieren. Warum?

Die nachhaltige Transformation Deutschlands schreitet voran – und das ist gut so. Denn wir müssen unabhängiger von fossilen Rohstoffen werden. Erneuerbare Energien leisten dazu einen wichtigen Beitrag und werden ergänzt durch Energiespeicher. Für uns sind Energiespeicher eine optimale Ergänzung des Kreditportfolios. Wir diversifizieren damit unser Aktivgeschäft mit einem renditestarken Baustein. Den Markteintritt haben wir sehr gut vorbereitet und sehen uns hier als Vorreiter.

Die Triodos Bank, eine Nachhaltigkeitsbank aus den Niederlanden, zieht sich aus Deutschland zurück. Die Bank empfiehlt ihren deutschen Kunden einen Wechsel zur Umweltbank. Was macht die Kooperation für die Umweltbank so interessant?

Nach dem angekündigten Rückzug der Triodos Bank war für uns klar, dass wir den Gesprächsfaden aufnehmen. Nun schreibt Triodos ihre Kunden an. Es handelt sich um ein Angebot und nicht um eine Fusion. Da Triodos und die Umweltbank beide die Systeme der Atruvia nutzen, ist ein Wechsel leicht.

Der Triodos-Geschäftsbericht beziffert das Einlagenvolumen in Deutschland auf 672 Mio. Euro. Wie viel davon wird die Umweltbank vereinnahmen?

Es gibt keine veröffentlichten Zahlen zu den Privatkunden. Wir rechnen damit, dass davon rund 400 Mio. Euro von privaten Kunden stammen. Wenn davon wiederum die Hälfte, also etwa 200 Mio. Euro, bei uns ankäme, wäre das eine gute Sache.

Triodos schreibt die Kunden nicht umsonst an. Was kostet die Empfehlung?

Natürlich zahlen wir eine Zuführungsprämie für jeden Kunden, den wir onboarden. Zu Vertragsdetails können wir keine Angaben machen.

Lange hatte die Umweltbank keine Girokonten. Kurz nach der Zinswende vor vier Jahren stieg auch der Zinsaufwand rasch, die Bank musste also viele Zinsen zahlen, um die Kunden zu behalten. Ist das neue Girokonto also eine Reaktion darauf?

Ja, die Fristentransformation ist für eine Bank entscheidend. Ein solider Bestand an Girokonten schafft auf der Passivseite mehr Stabilität.

Für alle Neukunden gilt: Die Umweltbank zahlt 150 Euro beim Girokonto – 100 Euro fließen als Prämie, 50 Euro gehen als Spende an die Umweltorganisation NABU. Warum nimmt die Bank so viel Geld in die Hand?

Das Girokonto ist für uns ein zentrales Ankerprodukt. Man darf nicht vergessen, dass viele Deutsche nur Kunde bei einer einzigen Bank sind und all ihre Finanzen an einem Ort wissen wollen. Im Idealfall wollen wir diese Bank für unsere Kunden werden. Das Girokonto ist darüber hinaus unser Anknüpfungspunkt für weitere Produkte wie Tagesgeld oder Depot. Wir sehen die Prämie als Investment in eine nachhaltige Kundenbeziehung.

Ein Girokonto verursacht aber auch Kosten, etwa durch Bargeldabhebung an fremden Automaten.

Die meisten Menschen heben nur sporadisch Bargeld ab und die Bedeutung von Bargeld nimmt weiterhin ab. Trotzdem ist die kostenlose Verfügbarkeit am Geldautomaten für viele Kunden eine wichtige Funktion. Daher begrenzen wir den Zugang nicht. Vereinzelt mag es Menschen geben, die selbst für kleine Summen ständig zum Geldautomaten gehen. Doch das sind nur wenige. Eine Bank kann das aushalten.

Als börsennotierte Gesellschaft handelt die Bank gewinnorientiert. Welchen Stellenwert hat die Nachhaltigkeit dabei noch?

Nachhaltigkeit ist wichtig, reicht allein aber nicht. Das folgt aus einem Attitude-Behaviour-Gap, also der Lücke zwischen Einstellung und Verhalten: Fast jeder Mensch findet Nachhaltigkeit wichtig, doch die Bereitschaft, dafür Abstriche bei Leistung oder Preis zu machen, ist leider überschaubar. Wir müssen also erst einmal eine digitale, coole, persönliche, preisattraktive Bank sein, die dann auch noch nachhaltig ist.

Ist Nachhaltigkeit also nur ein Add-on?

So würde ich es nicht formulieren. Nachhaltigkeit ist zentral, um als Umweltbank einzigartig und glaubhaft zu sein. Da geben wir auch nicht nach. Preis und Leistung sind entscheidend, um neue Kunden zu gewinnen, um nicht bloß eine Nische zu bedienen. Nachhaltigkeit ohne Abstriche – das ist unser Ansatz

Wie gut funktioniert die Bank bereits?

Im vierten Quartal 2025 kamen wir auf rund 30.000 Neukunden. Damit sind wir auf Augenhöhe mit einer klassischen Direktbank, wenn nicht sogar einer Neobank. Mit dem Wachstum mussten wir lernen, dass noch nicht alle Prozesse reibungslos funktionieren. Da mussten wir nacharbeiten.

Nach der IT-Migration zur Atruvia war die Bank zunächst überlastet.

Eine Kernbankmigration ändert fast alle Prozesse in der Bank, und zwar von der Kontoeröffnung über die Auszahlung und den Freistellungsauftrag bis zum Rechnungswesen und zum Risikomanagement. Das hat die Bank an den Rand ihrer operativen Leistungsgrenze gebracht. Zeitweilig war die Bank schwer erreichbar und die Rückstände haben sich aufgebaut. Aber das liegt jetzt hinter uns. Wir haben uns die Prozesse genau angesehen, optimiert, automatisiert und Personal aufgestockt. Die Kundenzufriedenheit ist spürbar gestiegen. Darauf sind wir richtig stolz. Die Bestands- und Datenmigration selbst ist damals übrigens sehr gut gelungen.

Früher war die Bank viel leistungsfähiger als heute. Die Aufwand-Ertrag-Relation lag vor einem Jahrzehnt bei traumhaft niedrigen 22,0%, jetzt steht sie bei 91,8%. Der Börsenkurs lag 2021 in der Spitze bei mehr als 21 Euro.

Die Umweltbank hat seit ihrer Gründung vor rund 30 Jahren vieles richtig gemacht! Sie war lange die profitabelste Bank in Deutschland und hat als kleines Institut Jahr für Jahr um die 40 Mio. Euro Gewinn geschrieben. Hut ab, das muss man erst mal hinkriegen.

Trotzdem ist das Geschäft gekippt. 

Das war die klassische Falle, die auch manche mittelständische Unternehmen trifft: Solange die Geschäfte sehr gut laufen, sind der Veränderungsdruck und die Innovationsbereitschaft gering. Heute hingegen ist das Tempo hoch. Ich bin seit mehr als 30 Jahren im Bankgeschäft, aber eine Transformation einer Bank in dieser Geschwindigkeit habe ich noch nicht gesehen.