Die Märkte haben ihr Urteil gefällt: Die EZB wird die Zinsen erhöhen – im Juni, im September, womöglich schon im April. Investoren preisen inzwischen zwei bis drei Zinserhöhungen für dieses Jahr ein. Und auf den ersten Blick legen die neuen Inflationsdaten von März dies auch nahe. Die Teuerungsrate im Euro-Raum schoss von 1,9 auf 2,5% in die Höhe. Doch ganz so einfach ist die Sache nicht. Den Anstieg trieben ausschließlich gestiegene Heizöl- und Benzinpreise. Ob sich aber der Preisschub auch auf andere Waren und Dienstleistungen ausweitet, hängt stark von der wirtschaftlichen Entwicklung ab. Der Ölpreisschock hat das Rezessionsrisiko aber deutlich erhöht.

Inflation steigt – aber aus dem falschen Grund

Für die EZB ist das die unbequemste aller Lagen. Die Inflation steigt, aber nicht, weil die Wirtschaft wächst, sondern wegen der Ölverknappung. Hebt sie die Zinsen an, riskiert sie einen stärkeren Abschwung. Wartet sie ab, riskiert sie ihre Glaubwürdigkeit. Wie die Notenbank mit dem Dilemma umgeht, beeinflusst die Märkte, die Konjunktur und die Kreditkosten von Haushalten und Unternehmen.

Im EZB-Rat sind die Meinungen gespalten. Einige Ratsmitglieder sprechen sich für eine mögliche Zinserhöhung bereits im April aus. Bundesbank-Präsident Joachim Nagel etwa mahnte, die Erfahrungen aus dem Jahr 2022 nicht zu vergessen. Damals unterschätzte die EZB zunächst den Preisschub. Der Nachrichtenagentur „Reuters“ sagte Nagel: „Wir dürfen jetzt nicht davor zurückschrecken, weil wir glauben, es ist noch zu früh.“ Mehrere andere Ratsmitglieder schlossen eine Zinserhöhung im April ebenfalls nicht aus.

Unterschiedliche Lektionen aus dem Preisschub 2022

Auffällig ist aber, dass sich die EZB-Führung zurückhaltender gibt. Christine Lagarde etwa betonte jüngst, dass die Lage heute eine andere sei als 2022. Damals habe die Inflation nicht bei 2% wie heute, sondern bereits bei etwa 6% gelegen, als der Energiepreisschock im Zuge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine die Wirtschaft traf. Zudem sei die Geldpolitik damals lockerer gewesen, und Pandemie-bedingte Lieferengpässe hätten die Preise bereits getrieben.

Selbst Isabel Schnabel, die zu den stärksten Verfechtern einer straffen Geldpolitik zählt, tritt auf die Bremse. „Es besteht kein Grund zur Eile“, sagte sie vergangene Woche mit Blick auf Zinserhöhungen. Die neuen Inflationszahlen stützen das: Der Preisschub beschränkt sich bisher ausschließlich auf Benzin und Heizöl. Die Inflationsrate bei Nahrungs- und Genussmitteln sank von 2,5% auf 2,4%, bei Dienstleistungen von 3,4% auf 3,2%. Eine Zinserhöhung im April bleibt damit eher unwahrscheinlich. Wie es danach weitergeht, hängt von einer Frage ab, die heute niemand beantworten kann: Wie tief reißt der Irankrieg die Wirtschaft?