Als EZB-Präsidentin hat Christine Lagarde gelernt, was Worte anrichten können. Ein Satz zu viel, eine Formulierung zu konkret – und die Märkte reagieren. Wer wüsste daher besser als sie, etwas zu sagen, ohne sich festzulegen. Auch wenn es um ihre eigene Zukunft geht. Ihre Antworten auf die Frage, ob sie ihr Mandat bis Oktober 2027 als Präsidentin erfüllen wird, klingen stets nach Dementi – und doch hören derzeit viele genauer hin.

Mission ist erfüllt – Hintertür offen

Das hat einen Grund: Frankreich wählt im Frühjahr 2027 einen neuen Präsidenten. Die rechtsextreme Marine Le Pen liegt in den Umfragen vorn. Und wer im Élysée sitzt, wenn Lagardes Mandat ausläuft, redet mit. Immer wieder heißt es, der französische Präsident Emmanuel Macron könnte versuchen, die Entscheidung über die Lagarde-Nachfolge noch vor den Wahlen zu suchen. Auftrieb bekommen die Spekulationen derzeit durch den vorzeitigen Rücktritt des französischen Notenbankchefs, François Villeroy de Galhau, mit dem Effekt, dass Macron und nicht möglicherweise Le Pen dessen Nachfolger bestimmt.

Lagarde hat Gedankenspiele über einen vorzeitigen Rückzug nicht klar dementiert. Die „Financial Times“ berichtete, sie habe mit WEF-Gründer Klaus Schwab einen vorzeitigen Abgang erörtert. Lagardes Antwort darauf:  Sie sei „voll und ganz entschlossen, ihre Mission zu erfüllen und ihre Amtszeit auszufüllen“. Als Mission wiederum sieht sie, das Inflationsziel von 2% im Euro-Raum zu erreichen. Das ist inzwischen geschafft. Die Formulierung lässt also zumindest eine Hintertür offen.

Einmal Nein gesagt – und trotzdem gewechselt

Das hat sie schon einmal so gemacht. Als es um die Nachfolge von Mario Draghi als EZB-Präsident ging, wies Lagarde zunächst jegliche Ambitionen weit von sich. „Nein, nein, nein … ich bin nicht interessiert an irgendeinem europäischen Job – EZB, Kommission, da da da da da“, sagte sie im Interview mit der „Financial Times“. Außerdem klagte sie, sie sei von den Spekulationen um die Nachfolge von Draghi „genervt“ und habe sie „ein bisschen satt“. Sie betonte, sie habe beim IWF eine sehr wichtige Aufgabe und werde „dieses schöne Schiff nicht verlassen, wenn draußen raue See droht“. Kaum ein Jahr später war sie weg.

Aufhorchen ließ Lagarde auch Anfang des Jahres in einem Bloomberg-Interview. Darin erzählte sie unter anderem, dass ihr 2019, als sie ihre Zusage gab, neue EZB-Präsidentin zu werden, nicht klar gewesen sei, dass die Amtszeit acht Jahre beträgt. „Meine Annahme war immer, dass es sich um eine fünfjährige Amtszeit handelt“, sagte sie. Erst der französische Präsident Emmanuel Macron habe sie dann auf das achtjährige Mandat hingewiesen. „Aber da war es zu spät.“ Hätte sie bei ihrer Zusage gewusst, dass es acht Jahre werden würden, „hätte ich länger darüber nachgedacht“, bekannte sie.

Lagarde, die einmal „Nein, nein, nein“ sagte – und ein Jahr später trotzdem Ja. Eine Amtszeit, deren Länge sie nach eigenen Worten überrascht hat. Eine Mission, die sie selbst ans Inflationsziel knüpfte – das inzwischen erreicht ist. All das beweist nichts. Die Historie zeigt aber zumindest: Lagardes Dementi hielt schon einmal nicht lange.