Zentralbanken

Zwei Jahre, vier Top-Posten: Machtpoker um die EZB-Spitze

Die EZB steht demnächst vor einem personellen Umbruch an ihrer Spitze. Bis Ende 2027 werden vier Top-Posten frei. Wer wann ausscheidet und wer folgen könnte.

Jan Mallien,
EZB-Zentrale in Frankfurt am Main bei Nacht
EZB-Zentrale in Frankfurt am Main bei Nacht © CCO

Noch gibt es keine offenen Bewerbungen, doch hinter den Kulissen beginnt das Ringen um Macht. Die EZB steht in den kommenden zwei Jahren vor einem personellen Umbruch in der Führung. Bis Ende 2027 werden vier von sechs Posten in ihrem Direktorium frei, das die Geschäfte der Notenbank führt. Die Zurückhaltung möglicher Bewerber ist verständlich: Wer seinen Namen zu schnell ins Spiel bringt, könnte verbrennen.

Noch kein Osteuropäer

Die erste große Entscheidung steht im Mai 2026 an: Dann endet die Amtszeit von Vizepräsident Luis de Guindos. Am lautesten als Nachfolger gehandelt wird Olli Rehn, Chef der finnischen Notenbank. Er gibt viele Interviews, tritt oft auf und ist Vizechef des ESRB, eines EU-Gremiums, das Risiken für die Finanzstabilität überwacht. Rehn, der leidenschaftlicher Fan des Fußballclubs Manchester United ist und vergleichsweise langsam und bedächtig redet, hat langjährige Erfahrung in den EU-Institutionen. So war er in der Zeit der Euro-Krise EU-Währungskommissar. Allerdings ist er mit 63 Jahren nicht mehr der Jüngste und steht nicht unbedingt für personelle Erneuerung. Außerdem saß schon einmal eine Finnin im EZB-Direktorium. Dagegen gab es in der Führung noch nie einen Vertreter aus Osteuropa. Ein Anwärter ist der lettische Notenbankchef Mārtiņš Kazāks. Die Entscheidung ist auch wichtig für die Nachfolge von Lagarde, deren Posten im November 2027 frei wird.

So unterstützte die deutsche Regierung 2010 den Portugiesen Vítor Constâncio und 2018 den Spanier de Guindos als EZB-Vizepräsidenten. Die Logik dahinter: Kommt ein Südeuropäer als Vize zum Zug, steigen die Chancen für einen Nordeuropäer an der EZB-Spitze. Aufgegangen ist das Kalkül aus deutscher Perspektive allerdings nicht. Mögliche Kandidaten für die Lagarde-Nachfolge sind der Spanier Pablo Hernández de Cos, der seit Juli die BIZ führt, eine Art Dachverband der weltweiten Notenbanken. Auch der langjährige Chef der niederländischen Notenbank Klaas Knot wird seit langem genannt. Sein Nachteil: Im Juli lief seine Amtszeit als Notenbankchef aus. Er hat damit wenig Möglichkeiten, sich bis zur Entscheidung über die Lagarde-Nachfolge zu profilieren.

Kommt der nächste Chefvolkswirt aus Frankreich?

Bevor Lagarde aus dem Amt scheidet, wird der Posten von Chefvolkswirt Philip Lane frei. Nach einem ungeschriebenen Gesetz stellen die vier großen Euro-Länder Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien meist je einen Vertreter im EZB-Direktorium. Da es unwahrscheinlich ist, dass der nächste EZB-Chef oder die Chefin wieder aus Frankreich kommen, könnte das Land den nächsten EZB-Chefvolkswirt stellen – ebenfalls ein wichtiger Schlüsselposten. Das gilt auch für Deutschland, wenn Ende 2027 die Amtszeit von Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel endet.

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