R+V-Chef Norbert Rollinger räumt ein: Riester ist nicht nur politisch, sondern auch vertrieblich gescheitert. Kosten waren zu hoch, Vorteile unklar kommuniziert, die Komplexität hat Vertrauen gekostet. „Wenn wir dieselben Fehler beim Altersvorsorge-Depot wiederholen, verlieren wir die Kunden an die Neobroker“, sagte Rollinger am Dienstagabend im Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten (ICFW) in Frankfurt. Das geplante Altersvorsorgedepot ersetzt ab 2027 die Riester-Rente, bietet höhere Renditen durch ETFs und verzichtet auf starre Beitragsgarantien. Voraussichtlich werden aber auch die Zulagen geringer ausfallen.

Rollingers Kritik an der Branche hat Gewicht. Schließlich ist er nicht nur Chef eines Top-Ten-Versicherers mit neun Mio. Kunden, sondern auch Präsident des Versichererverbandes GDV. „Wir waren bei der Riester-Rente als Branche zu teuer“, räumte Rollinger ein. Für das geplante Altersvorsorgedepot müsse in einem ETF-ähnlichen Kostenrahmen gearbeitet und Vorteile klar kommuniziert werden. Gelinge es nicht, das AV-Depot günstig zu halten und die Vorteile klar zu kommunizieren, übernähmen Neobroker endgültig die Deutungshoheit über die Altersvorsorge, warnte Rollinger.

Neobroker gehen voran

Die digitalen Herausforderer, die Neobroker, haben sich beim Altersvorsorgedepot längst positioniert. Kinderdepots stehen, Kostenargumente sind gesetzt, Renditeversprechen kommuniziert. Sie verkaufen Kapitalmarktlogik und Aktienfokus bei Verzicht auf Sicherungssysteme – ganz im Sinne des derzeitigen politischen Willens, wie Rollinger einräumte.

Doch ans Aufgeben denkt der R+V-Chef nicht: „Wir Versicherer können auch günstig.“ Über die DZ Bank habe seine R+V schon heute konkurrenzfähige ETF-Angebote im Portfolio. Zudem könne sein Haus – wie die Branche insgesamt – Garantien und lebenslange Renten bieten. Umfragen zeigten, dass Kunden Sicherheit wünschen.

Zugang entscheidet

Der entscheidende Erfolgsfaktor liegt im Zugang zum Markt. Dank der genossenschaftlichen Ausrichtung hat die R+V theoretisch Zugriff auf 30 Mio. Bankkunden. Für das Altersvorsorgedepot kündigte Rollinger eine breit angelegte Kampagne und ein konkurrenzfähiges Produkt der Genossen an – der „Uphill battle“ sei noch nicht verloren. Wer Geschwindigkeit mit Beratungskompetenz verbinde, bleibe wettbewerbsfähig, so seine Botschaft.

Gleichzeitig müsse die Branche die Digitalisierung im Auge behalten. „Wenn der Vertrieb künftig zunehmend über ChatGPT und KI läuft, trifft das den klassischen Bankenvertrieb direkt“, sagte Rollinger. Trotzdem blickt er optimistisch nach vorn: „Wenn wir Sicherheit, Einfachheit und digitale Skalierbarkeit verbinden, können wir die Altersvorsorge wieder erfolgreich gestalten.“