Während in Europa fleißig Bestände gehandelt werden, ist der deutsche Sachversicherungs-Run-Off-Markt (SRO) ein theoretisches Konstrukt. Ein SRO beschreibt die Abwicklung und Betreuung bestehender Schaden-/Unfallbestände ohne Neugeschäft: Policen laufen aus oder werden verkauft. Eine einzelne Ursache für die geringe Dynamik hierzulande gibt es nicht, sagen uns führende Experten.

Deutschland zögert – mal wieder

Fehlender Handlungsdruck, strenge Aufsicht und die deutsche Präferenz für Sicherheit sorgen für nahezu vollständige Stagnation auf dem deutschen SRO-Markt, während speziell in Nordeuropa und Großbritannien Bestände frei gehandelt werden, erklärt Till M. Wagner, Vorstand und Leiter M&A beim auf Portfolio-Verkäufe spezialisierten Rückversicherer Darag. „Deutsche Versicherer legen großen Wert auf langfristige Kundenbeziehungen und Kontinuität, weshalb der Verkauf von Beständen als Vertrauensbruch wahrgenommen werden könnte“, sagt Wagner. Zudem fehle bei vielen Häusern der Handlungsdruck. „Öffentliche Versicherer verfügen meist über große Kapitalreserven und steuern weniger stark nach Rendite“, so Wagner. Das wäre bei börsennotierten Unternehmen oft anders.

Den deutschen SRO-Markt bremst zudem die „deutsche Präferenz für Sicherheit und Beständigkeit“, die sich in der konservativen Auslegung der Aufsichtsregeln zeige, ergänzt Dennis Wittkamp, Analyst bei der Beratungsgesellschaft Assekurata. Das erschwere Run-Off-Transaktionen erheblich. Aus diesen Gründen sei SRO bei den deutschen Versicherern weiter ein „Randthema“, bestätigt Andreas Meyerthole, Geschäftsführer von Meyerthole Siems Kohlruss, einer auf Sachversicherung spezialisierten Beratungsgesellschaft.

Heute Randthema, morgen Perspektive

Die bisher genannten Gründe greifen jedoch zu kurz. Erstens gelten die strengen Aufsichtsregeln in Europa weitgehend einheitlich – mit Ausnahme Großbritanniens – und selbst eine konservative Auslegung verhindert rechtlich keinen Bestandsverkauf. Zweitens funktionieren Run-Offs in der Lebensversicherung seit Jahren, weil Verpflichtungen klar definiert und Prozesse standardisiert sind, analysiert Wittkamp. Drittens droht wegen Klimarisiken, Fachkräftemangel und fehlender IT-Ressourcen Handlungsdruck. Dies könnte speziell kleinere und mittlere Versicherer hierzulande dazu bewegen, Bestände auszulagern. „Wenn Portfolios nicht mehr ausreichend Ertrag bringen oder es an Personal fehlt, werden sie teilweise abgegeben – das ist eine Frage der Effizienz“, erklärt Wagner.

Eine spezielle Gruppe fest im Blick

Langfristig könnte sich auch der deutsche Markt dem europäischen Trend nicht entziehen. Wagner hat bereits eine spezielle Gruppe im Blick: „Die mittleren Versicherer, etwa Platz 30 bis 60 im Markt, sind besonders interessant, weil hier noch Bestände verfügbar sind“, sagt er. Externe Partner wie Darag könnten helfen, Bestände effizient zu verwalten, wenn internes Personal fehlt.

 Damit zeichnet sich ein Szenario ab, in dem SRO in Deutschland zwar heute ein Randthema bleibt, morgen aber an Bedeutung gewinnen könnte. Stand heute bleibt der SRO in Deutschland Randthema; wann genau sich der Wandel vollzieht, wollte uns gegenüber keiner der befragten Experten prognostizieren.