Versorgungswerke am Limit: Kompetenzmangel statt Struktur
Einigen Versorgungswerken fehlen Anlage- und Compliance-Grundlagen. Das eröffnet Markt-Chancen für Banken und Berater, löst das Grundproblem aber nicht.

Die spektakulären Verluste des Versorgungswerks der Zahnärztekammer Berlin (VZB) zeigen, wie schnell strukturelle Schwächen teuer werden können: Über 1 Mrd. Euro gingen wegen schlechter Investments verloren. Die Verluste der VZB könnten sich direkt in niedrigeren Renten für die Mitglieder niederschlagen. Denn ein Versorgungswerk ersetzt bei freien Berufen wie Ärzten oder Anwälten die gesetzliche Rente. Doch das VZB ist nicht das einzige Versorgungswerk, das mit seiner Anlage- und Compliance-Politik nicht State of the art ist. Schwierigkeiten in geringerem Ausmaß gab es in den Jahren zuvor auch bei der Ärztekammer Hessen und den Apothekern Westfalen-Lippe. Ursache der Probleme ist nicht fehlender Wille, sondern systemische Mängel: Uneinheitliche Aufsicht durch die Bundesländer, unklare Zuständigkeiten und fehlende interne Kontrolle lassen Risiken oft unentdeckt. „Bei der aktuellen Schieflage der Berliner Zahnärzteversorgung handelt es sich zweifelsohne um einen Extremfall, jedoch keineswegs um einen Einzelfall“, sagt uns Alisa Ilgner, Leiterin Investment Strategy & Controlling beim Investment-Berater Faros.
Mangel an Fachpersonal und fehlende Aufsicht
Viele Versorgungswerke haben zu wenig qualifiziertes Personal für Investments und Controlling oder zu kleine Vermögen für eine professionelle Verwaltung, analysiert Faros. Häufig ist das Fachwissen geringer ausgeprägt als bei den Pensionskassen, obwohl Versorgungswerke rund 300 Mrd. Euro verwalten. Zudem stehen sie im Gegensatz zu den 124 Pensionskassen, die rund 209 Mrd. Euro verwalten, nicht unter einheitlicher BaFin-Aufsicht. „Wo im Prozess Unsicherheiten oder fachliche Lücken auftreten, sollten Versorgungswerke externe Unterstützung hinzuziehen“, empfiehlt Ilgner.
Die Lücken bei Gouvernance, Risiko-Management und Compliance eröffnen Marktchancen für Banken, Vermögensverwalter und Berater. Doch ohne die Kompetenz, die Arbeit der Dienstleister kritisch zu prüfen, lösen externe Partner das Problem nicht. Eine wirksame Lösung erfordert einheitliche Regeln und eine übergeordnete Aufsicht, wie sie nur ein zentraler Regulator wie beispielsweise die BaFin leisten könnte. Ob ein solcher Schritt geplant ist, bleibt unklar. Das Bundesfinanzministerium wich einer PLATOW-Anfrage nach einer Aufsichtsanpassung aus.
Wohl auch, weil ein solcher Schritt die Zustimmung der Bundesländer erfordern würde und die Aufsicht über die Versorgungswerke selbst für die kampferprobte BaFin ein komplexes Unterfangen wäre. Eine schnelle Lösung des Versorgungswerk-Problems ist nicht in Sicht.