Ohne konkrete Ergebnisse verlief das in Frankfurt mit Spannung erwartete Treffen von Unicredit-Chef Andrea Orcel und Bundesfinanzminister Lars Klingbeil am Montagnachmittag in Berlin. Darauf deuten zumindest die offiziellen Statements von Orcel und Klingbeil im Anschluss an die Zusammenkunft hin. Dieser Eindruck wird uns auch in Hintergrundgesprächen bestätigt. Beide Seiten sollen das persönliche Gespräch genutzt haben, um ihre jeweiligen Vorstellungen zur Zukunft der Commerzbank nach der erwarteten Kontrollübernahme durch Unicredit auszutauschen.

Wie erwartet, drängte Klingbeil dabei vor allem darauf, dass die Commerzbank ihre wichtige Rolle für die Finanzierung der deutschen Wirtschaft und des deutschen Mittelstands sowohl in Deutschland als auch international erfüllen kann und die Italiener beim Personalabbau auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten. Zudem verlangte Klingbeil, dass die Commerzbank weiterhin an der Börse notiert bleiben soll und ihren Sitz in Frankfurt behält.

Bund pocht auf seine zwei AR-Sitze

Die meiste Sprengkraft steckt jedoch in Klingbeils Pochen auf die Vereinbarung zwischen dem ehemaligen Soffin und der Commerzbank, die es dem Bund erlaubt, zwei Vertreter in den Aufsichtsrat der Frankfurter zu entsenden. Damit will die Bundesregierung sicherstellen, dass Unicredit im Aufsichtsrat keine Beschlüsse gegen den Willen des Bundes und der Arbeitnehmervertreter durchdrücken kann. Dahinter steckt Klingbeils Botschaft an Orcel, dass die Italiener endlich ihre Konfrontation mit der amtierenden Commerzbank-Führung um Vorstandschefin Bettina Orlopp aufgeben und eine kooperative Übernahme anstreben sollen.

Inhaltlich kommentierte Orcel die Forderungen der Bundesregierung nicht. Der Unicredit-Lenker sprach lediglich von einem guten und konstruktiven Gespräch, dem zeitnah weitere folgen würden. Nach unseren Informationen sollen auch zwischen Unicredit und Commerzbank bereits Gesprächstermine in den kommenden Wochen vereinbart sein. Bei den bisherigen Spitzengesprächen redeten beide Seiten bei strategischen Themen noch konsequent aneinander vorbei. In der Commerzbank hoffen sie nun, dass sich das nach dem Berliner Treffen ändert. Orlopp will Orcel von einer gemeinsamen Wachstumsstory für den Kapitalmarkt überzeugen, von der auch die Unicredit-Aktionäre profitieren können. Entsprechende durchgerechnete Szenarien sollen bei der Commerzbank bereits in der Schublade liegen.

Orcel will HVB in Commerzbank einbringen

Derweil kristallisiert sich allmählich Orcels Plan heraus, wie er bei der Commerzbank ohne ein weiteres und womöglich teures Übernahmeangebot den vollen Zugriff erlangen will. Dafür benötigt der Unicredit-Lenker eine HV-Mehrheit von 75%, die ihm den Abschluss eines Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrags ermöglicht. Bislang kontrolliert Orcel jedoch lediglich knapp 50% der Stimmrechte.

Wie die italienische „Milano Finanza“ schreibt, plant Orcel eine Art „Reverse Takeover“, auch wenn der Begriff in diesem Zusammenhang nicht ganz stimmig ist. Demnach soll die Commerzbank die deutsche Unicredit-Tochter HVB übernehmen. Technisch soll dies über eine Kapitalerhöhung der Commerzbank erfolgen, bei der Unicredit die HVB als Sacheinlage einbringt. Damit würde sich der Unicredit-Anteil an der Commerzbank deutlich erhöhen, während die Anteile der Altaktionäre, darunter auch der Bund mit seinen rund 12%, entsprechend verwässert würden. Für dieses Szenario spricht auch, dass eine Übernahme der Commerzbank durch die HVB angesichts der Börsennotierung der Frankfurter und der weiterhin an Bord befindlichen Altaktionäre extrem komplex wäre.

Zuletzt hat Orcel beteuert, eine Fusion von Commerzbank und HVB erst in zwei bis drei Jahren vollziehen zu wollen. Mit dieser Zusage will er offensichtlich die beunruhigten HVB-Betriebsräte besänftigen, die sich um die künftige Bedeutung des Standorts München sorgen. Um die vollen Synergien zwischen Commerzbank und HVB heben zu können, dürfte er aber kaum so lange warten wollen.

Unicredit könnte auf Hilfe aus Berlin angewiesen sein

Genau hier wittert die Bundesregierung jedoch einen starken Hebel, um Orcel auf einen kooperativen Weg zu bringen. Damit die Operation sicher gelingt, dürfte der Unicredit-Vorsteher auf die Kooperation mit Berlin angewiesen sein. Denn er muss gleich zwei hohe Hürden überspringen. Zunächst benötigt Unicredit für die Genehmigung der Kapitalerhöhung eine HV-Mehrheit von 75%, die ohne die Zustimmung des Bundes zumindest kein Selbstläufer werden dürfte. Zudem wird Unicredit auch nach einer Einbringung der HVB in die Commerzbank kaum über eine 75%-Mehrheit zum Abschluss eines Beherrschungsvertrags verfügen.

Nach Berechnungen der Commerzbank würde der Unicredit-Anteil durch die Verschmelzung mit der HVB lediglich auf 62% steigen. Die von „Milano Finanza“ zitierten Mediobanca-Analysten kalkulieren hingegen mit einem Unicredit-Anteil von 70% und einem auf 8% verwässerten Bundesanteil. Nach dieser Rechnung könnte der Bund Orcel sicher zur angestrebten Mehrheit für einen Beherrschungsvertrag verhelfen. Den Preis, den Berlin dafür fordert, hat Klingbeil dem Unicredit-Chef am Montag genannt.