Was im Umfeld der EZB in Frankfurt längst heiß diskutiert wird, gilt in Berlin offiziell noch als Spekulation. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil kündigte am Freitag bei einem Besuch in der Mainmetropole immerhin an, dass die Bundesregierung bei der Nachfolge von EZB-Präsidentin Christine Lagarde „kraftvoll mitreden“ will. Man nehme die Spekulationen zur Kenntnis. Aktuell stehe die Frage der Nachfolge nicht an. „Aber wenn es ansteht, wird die Bundesregierung schnell reagieren und eine gemeinsame Position finden.“ Mit anderen Worten: Deutschland will einen eigenen Kandidaten für die EZB-Präsidentschaft ins Rennen schicken. Voraussichtlich Bundesbank-Präsident Joachim Nagel.

EZB-Präsidentin Lagarde wiederrum ließ in einem Interview mit dem „Wall-Street Journal“ durchblicken, dass sie nicht sofort ihr Amt aufgeben will und es möglicherweise vollständig ausfüllen wird. Sie wolle ihre Erfolge konsolidieren, sie auf solide und verlässliche Beine stellen. „Meine Grundannahme ist, dass das bis zum Ende meiner Amtszeit dauern wird“, sagte Lagarde.

EZB in der Folgejob-Falle

Intern beobachten viele Mitarbeiter mit Skepsis, wie viel Energie Lagarde offenbar in ihre Karriereplanung steckt. Das Muster ist in der EZB durchaus bekannt: Wer zur Notenbank-Spitze gehört, plant in der Regel frühzeitig den nächsten Karriereschritt — oft weit vor Ende der achtjährigen, nicht verlängerbaren Amtszeit. Aus Sicht der Kritiker führt dies dazu, dass die Mitglieder der EZB-Führung bei ihrer Arbeit nur eine kurzfristige Perspektive verfolgen.

Dabei fiel Lagardes Start in der EZB durchaus positiv aus. Sie gilt als charismatisch, hat Frauen in Führungspositionen gefördert und Klimathemen in der EZB verankert. Manche attestieren ihr, die Notenbank durch schwierige Jahre geführt zu haben — die Pandemie, den Inflationsschock nach dem Ukraine-Krieg, den Handelskonflikt mit den USA. Zu Beginn ihrer Amtszeit gewann sie Sympathien mit nahbaren Gesten — etwa als sie auf einer Mitarbeiterversammlung das Mikrofon persönlich durch die Reihen trug. Als Mitarbeiter mit Behinderungen ein Tischtennis-Turnier organisierten, kam sie mit ihrem Stellvertreter Luis de Guindos dazu und schlug selbst ein paar Bälle hin und her. Im Vergleich zu ihrem eher introvertierten Vorgänger Mario Draghi wirkte das erfrischend.

Inzwischen hat ihre Beliebtheit laut Mitarbeiterbefragungen deutlich nachgelassen. Umstritten sind zum Beispiel die Geschlechterquoten, die sie für Führungsposten gesetzt hat. Mit dem Betriebsrat gibt es Streit. Zudem fremdelt Lagarde mit der Institution, der sie vorsteht – und umgekehrt. So sorgte die Juristin intern für einen Aufschrei, als sie 2024 auf dem Weltwirtschaftsforum Ökonomen vorwarf, eine „Stammesclique“ zu bilden, die sich mit sich selbst beschäftigen würde. In einer Institution, in der hauptsächlich Ökonomen arbeiten, kam das naturgemäß schlecht an.

Nerd-Welt versus Davos

Umgekehrt stoßen sich nicht wenige Mitarbeiter am Hang ihrer Chefin zum Glamour. Die Welt der Notenbanker ist geprägt durch trockene Zahlen und theoretische Modelle – die aber immense praktische Konsequenzen für das Schicksal vieler Menschen haben. Eine Welt der Nerds. Das Weltwirtschaftsforum steht für eine andere Welt — Davos, Staatschefs, große Bühne. Dass Lagarde die Berichte über einen möglichen Wechsel dorthin nie klar dementiert hat, nehmen ihr viele übel. Eine Notenbankpräsidentin, die noch im Amt ist, sollte eigentlich keinen Zweifel daran lassen, wo ihre Prioritäten liegen.