Zentralbanken

EZB-Vizepräsident: Bislang nur Männer im Rennen – mit Folgen für den Postenpoker

Nur zwei von 27 EZB-Ratsmitgliedern sind Frauen. Jetzt bewerben sich voraussichtlich nur Männer um den Vizeposten. Was das für weitere Personalentscheidungen bedeutet.

Jan Mallien,
Die EZB in Frankfurt am Main, Deutschland
Die EZB in Frankfurt am Main, Deutschland © CC0

Kurz nach ihrem Amtsantritt als EZB-Präsidentin postete Christine Lagarde Ende 2019 ein Foto von einem Treffen mit ihren Ratskollegen im Schlosshotel Kronberg im Taunus. Das Bild zeigt die Mitglieder an einem langen Tisch im historischen Saal – Lagarde inmitten von Männern. Von den damals 25 Ratsmitgliedern waren 24 männlich. An den Wänden hängen zwei Gemälde mit elegant gekleideten Damen, was damals für spöttische Kommentare sorgte: Mehr Frauen an der Wand als am Tisch.

2 von 27 Ratsmitgliedern sind Frauen

Sechs Jahre später hat sich daran wenig geändert. Kroatien und Bulgarien sind der Eurozone beigetreten, der EZB-Rat zählt nun 27 Mitglieder – zwei davon Frauen. Im sechsköpfigen EZB-Direktorium, das die Geschäfte der Notenbank führt, sitzen mit Lagarde und Isabel Schnabel zwei Frauen. Damit ist dort der prozentuale Anteil etwas größer, aber auch gering.

Nun stehen wichtige personelle Weichenstellungen bevor. Bis Ende 2027 werden vier der sechs Direktoriumsposten frei, darunter die Posten von Lagarde und Schnabel. Als Kandidaten für den zuerst frei werdenden Posten des Vizepräsidenten im Mai 2026 sind kurz vor Ende der Frist am 9. Januar bisher nur Männer nominiert worden. Die Notenbankchefs aus Finnland, Kroatien, Lettland und Estland sowie der frühere litauische Finanzminister. Zudem hat auch Portugal signalisiert, dass es seinen Ex-Notenbankchef Mário Centeno vorschlagen könnte.

Kleine Länder, große Erwartungen

Alle diese Kandidaten haben gemeinsam: Sie sind Männer aus kleinen EU-Ländern. Für die drei anderen Posten heißt das: Frauen aus großen EU-Ländern sind tendenziell im Vorteil. Zudem gab es bisher im Führungsgremium noch nie einen Osteuropäer. Wie wichtig es den betroffenen Ländern ist, dies zu ändern, zeigt sich daran, dass alle drei baltischen Staaten einen Bewerber ins Rennen für den Vizeposten schicken. Sollte keiner von ihnen zum Zuge kommen, dürfte das Drängen aus Osteuropa bei den folgenden Personalentscheidungen noch größer werden.

Angesichts des geringen Frauenanteils in der EZB-Spitze ist aber vor allem der Druck groß, passende Kandidatinnen für die weiteren frei werdenden Posten zu finden. In der Vergangenheit drängte vor allem das Europäische Parlament bei der Nominierung auf einen höheren Frauenanteil. Dieser Druck hat angesichts der veränderten Mehrheitsverhältnisse eher nachgelassen. Nicht zu unterschätzen ist aber der Einfluss, den die aktuelle EZB-Präsidentin Christine Lagarde ausüben kann. Ihr Vorgänger Mario Draghi etwa machte einst sehr deutlich, dass er sich den damaligen Bundesbank-Präsidenten Jens Weidmann nicht als eigenen Nachfolger vorstellen könne – was durchaus Einfluss auf die Entscheidung hatte.

Lagarde hat ihre Position klargemacht: „Ich ermutige die politischen Entscheidungsträger nachdrücklich, dafür zu sorgen, dass Frauen in der Führung der EZB angemessen vertreten sind“, erklärte sie Anfang Dezember gegenüber Politico. Sechs Jahre nach dem Foto vom Schlosshotel Kronberg steht die Bewährungsprobe bevor.

 

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