Großer Tag für Bundesbank-Präsident Joachim Nagel. Eingerahmt zwischen EZB-Präsidentin Christine Lagarde und ihrem Vize Boris Vujčić durfte Nagel als Gastgeber des diesjährigen Auswärtsspiels des EZB-Rats die Begrüßung zur Pressekonferenz nach der Zinssitzung übernehmen und sogar eine Frage beantworten. Einmal im Jahr tagt der EZB-Rat außerhalb Frankfurts in einem Euro-Land. In diesem Jahr durfte Deutschland die Ratsmitglieder in das Berliner Tagungszentrum der Bundesbank laden.

Ein „No-Brainer“ sei die einstimmige Entscheidung des EZB-Rats für eine Erhöhung der Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte gewesen, berichtete Lagarde. Damit steigt der besonders beachtete Einlagensatz auf 2,5%. Partout keinerlei Hinweise wollte Lagarde zur weiteren Leitzinsentwicklung geben. Darüber sei auch in der Sitzung nicht diskutiert worden, in der es ausschließlich um die aktuelle Zinserhöhung gegangen sei.

Auf weitere Erhöhungsschritte deuten allerdings die neuen Projektionen der EZB-Volkswirte hin. Der Ausblick für die Gesamtinflation im laufenden Jahr wurde mit 3% zwar bestätigt, für 2027 wurde die Prognose jedoch auf 2,5% nach 2,3% in der Juni-Vorausschau und für 2028 auf 2,1% nach 2,0% angehoben. Zudem hoben die Ökonomen auch ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum 2026 (0,9% nach 0,8%) und 2027 (1,4% nach 1,2%) an.

Lagarde lässt Rücktritts-Spekulationen weiterlaufen

Die von staatlichen Verteidigungs- und Infrastrukturinvestitionen angeschobene Wirtschaft in der Eurozone sei widerstandsfähiger als erwartet, begründete Lagarde die Aufwärtsrevision. Damit schafft sich die EZB den argumentativen Rahmen für weitere Zinserhöhungen, um die weiterhin grassierenden Inflationsgefahren einzudämmen, ohne dabei die zarte Konjunkturerholung abzuwürgen. Zugleich hält sich die EZB die Option offen, im Falle einer Entspannung des Nahost-Konflikts die Zinsen stabil zu halten oder sogar zu senken.

Auch in Gegenwart von Nagel, dem Ambitionen auf den EZB-Chefposten nachgesagt werden, ließ Lagarde die seit Monaten wabernden Spekulationen über einen vorzeitigen Amtsverzicht weiter köcheln. Derzeit gäbe es nichts zu verkünden, ließ Lagarde verlauten. Hinter den Kulissen sollen in Brüssel und Berlin jedoch längst die Vorbereitungen zur Regelung der Lagarde-Nachfolge noch vor den französischen Präsidentschaftswahlen im April nächsten Jahres laufen. Den ersten Schachzug hat die Bundesregierung offensichtlich schon gemacht. Kürzlich sickerte durch, dass Deutschlands EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel auf dem Sprung nach Washington sei, um beim IWF die Leitung der wichtigen Abteilung Geld- und Kapitalmärkte zu übernehmen. Mit einem vorzeitigen Rückzug würde Schnabel im EZB-Direktorium Platz schaffen für einen anderen deutschen Kandidaten.

Deutschland könnte den Spanier de Cos unterstützen

Dabei dürfte es sich jedoch nicht um Nagel handeln. Da Deutschland mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Claudia Buch als Chefin der EZB-Bankenaufsicht bereits zwei Schlüsselpositionen auf europäischer Ebene besetzt, gelten Nagels Chancen auf die Lagarde-Nachfolge ohnehin als wenig aussichtsreich. Entscheidender ist jedoch, dass Kanzler Friedrich Merz offensichtlich keinerlei Ambitionen hat, sich für den Sozialdemokraten Nagel, der noch dazu Sympathien für die in der Union als rotes Tuch geltenden Eurobonds hegt, zu verkämpfen. Mit dem erwarteten Wechsel Schnabels und dem Ablauf der Amtszeit von EZB-Chefvolkswirt Philip Lane im Juni 2027 stehen bei der EZB demnächst gleich drei Top-Posten zur Neubesetzung an, über die als Gesamtpaket entschieden werden sollen.

Das macht es für die Bundesregierung doppelt riskant, ihr gesamtes politisches Gewicht für eine Bewerbung Nagels um die Lagarde-Nachfolge in die Waagschale zu werfen. Sollte Nagel scheitern, wäre auch der Kanzler blamiert, Deutschland müsste sich dann wohl auch mit dem Posten begnügen, der übrig bleibt. Das scheint auch Bundesfinanzminister und SPD-Chef Lars Klingbeil mittlerweile eingesehen zu haben.

Die Bundesregierung setzt deshalb jetzt alles darauf, den einflussreichen Posten des EZB-Chefvolkswirts zu ergattern. Auf den soll es allerdings auch Frankreich abgesehen haben. Um Frankreich auszustechen, das in der geografischen Logik Brüssels als südliches Land gilt, könnte Deutschland die Kandidatur des ehemaligen spanischen Notenbank-Chefs Pablo Hernández de Cos, der aktuell die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) leitet, unterstützen. Der Spanier gilt ohnehin als Favorit für den EZB-Präsidentenposten. Nach dem europäischen Proporz stünden dann mit dem Spanier de Cos und dem Kroaten Vujčić ein Vertreter des Südens und des Ostens an der EZB-Spitze. Deutschland könnte somit als großes nordeuropäisches Land Anspruch auf den als drittwichtigsten Posten im EZB-Direktorium geltenden Chefvolkswirt erheben.