Wer folgt Lagarde? Der Machtpoker um die EZB-Spitze
Vier Posten werden frei, die Gerüchteküche brodelt: Im Rennen um die Top-Posten gibt es unzählige Planspiele und Gesetze. Doch am Ende könnte etwas anderes entscheiden.

Vor acht Jahren schien die Welt für Jens Weidmann in Ordnung. Anfang 2018 galt der damalige Bundesbank-Präsident als großer Favorit für die Nachfolge von Mario Draghi an der Spitze der EZB. In einer Bloomberg-Umfrage unter Volkswirten lag er mit 84 von 100 möglichen Punkten weit vorne.
Lagardes „Nein, nein, nein“
Doch je näher die Entscheidung rückte, desto stärker schwanden seine Chancen. Weniger als ein Jahr vor der Entscheidung meldete sich eine gewisse Christine Lagarde zu Wort – damals Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF). „Nein, nein, nein … ich bin nicht interessiert an irgendeinem europäischen Job – EZB, Kommission, da da da da da“, sagte sie im Interview mit der „Financial Times“. Außerdem klagte sie, sie sei von den Spekulationen um die Nachfolge von Draghi „genervt“ und habe sie „ein bisschen satt“. Sie betonte, sie habe beim IWF eine sehr wichtige Aufgabe und werde „dieses schöne Schiff nicht verlassen, wenn draußen raue See droht.“ Kaum ein Jahr später war sie weg.
Die Episode lehrt zweierlei: Erstens sollte man kategorische Absagen möglicher Anwärter für den Schlüsselposten der europäischen Finanzwelt nicht allzu ernst nehmen. Und zweitens taugen Prognosen über den Ausgang des Machtpokers wenig.
Unzählige Planspiele werden diskutiert
Dennoch wird schon jetzt im Umfeld der EZB über kein anderes Thema so lebhaft diskutiert. Der Kreis der Namen ist groß: Der frühere niederländische Notenbankchef Klaas Knot und der spanische BIZ-Chef Pablo Hernández de Cos. Aus Deutschland Bundesbank-Präsident Joachim Nagel, EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel und der frühere Bundesfinanzminister Jörg Kukies. Weitere Namen kursieren.
In den nächsten zwei Jahren werden gleich vier Posten im sechsköpfigen Führungsgremium der EZB frei. In der Theorie ist das Ringen um die Top-Posten wie ein Schachspiel, bei dem ein falscher Zug die Ambitionen eines Kandidaten zunichtemachen kann. Denn unterschiedliche Faktoren spielen eine Rolle: kleines oder großes Land, Mann oder Frau, Nord oder Süd, geldpolitischer Falke oder Taube.
Wenn nächstes Jahr im Mai der finnische Notenbankchef Olli Rehn den Spanier Luis de Guindos als EZB-Vizepräsident ablösen sollte, steigen theoretisch die Chancen für Frauen aus großen südeuropäischen Ländern auf die Lagarde-Nachfolge, da Rehn diese Kriterien nicht erfüllt. In der Praxis allerdings hat sich gezeigt: So starr sind die ungeschriebenen Gesetze für die Postenvergabe dann doch nicht.
So waren zum Beispiel der frühere EZB-Präsident Mario Draghi und sein Stellvertreter Vítor Constâncio beides Männer aus Südeuropa, die als geldpolitische Tauben galten. Die aktuelle EZB-Präsidentin Christine Lagarde kommt ebenso aus einem großen Land wie ihr Stellvertreter De Guindos.
Mehrere Anwärter aus Deutschland
Und so machen auf den ersten Blick ungewöhnliche Planspiele die Runde. Zum Beispiel die Überlegung, der Spanier Hernández de Cos könne der Französin Lagarde folgen und der Niederländer Knot übernehme dann den Posten des BIZ-Chefs. Auch die Namen des französischen Notenbankchefs François Villeroy de Galhau und seines italienischen Amtskollegen Fabio Panetta kursieren für die EZB-Präsidentschaft – obwohl bereits zwei Franzosen und ein Italiener den Posten innehatten.
Auch EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel taucht häufig auf, obwohl die Statuten eine zweite Amtszeit im EZB-Führungsgremium ausschließen. Manche glauben, dass sich eine Lösung finden ließe. Zum Beispiel, indem Schnabel vorzeitig aus dem Direktorium ausscheidet und dann später als Präsidentin zurückkommt. Gegen Joachim Nagel als EZB-Präsident spricht, dass Deutschland mit Ursula von der Leyen bereits die EU-Kommissionschefin stellt und Bundeskanzler Friedrich Merz andere Prioritäten haben dürfte, als Nagel, der ein SPD-Parteibuch hat, den Weg an die Spitze der Notenbank zu ebnen. Sollte er aber EZB-Präsident werden, wären sowohl Schnabel als auch die bisherige Chefin der EZB-Bankenaufsicht, Claudia Buch, potenzielle Nachfolger an der Bundesbank-Spitze.
Wenn sich im Rennen um die Lagarde-Nachfolge überhaupt etwas prognostizieren lässt, dann nur, dass der Poker noch viele Wendungen nehmen wird. Und wie schon vor acht Jahren könnte auch diesmal wieder jemand zum Zuge kommen, der bisher jegliche Ambition bestreitet.