Stoys neuer Gegner heißt OpenAI
Chase? Kein Problem. Für ING-Chef Lars Stoy kommt die eigentliche Bedrohung aus dem Silicon Valley. Und er erklärt, wie er die ING dafür rüstet.

Lars Stoys Gegner heißt nicht Chase, sondern OpenAI. Als Chef der Digitalbank ING Deutschland beobachtet Stoy mit großem Interesse, wie OpenAI seinen KI-Dienst ChatGPT per Schnittstelle zum Finanzinfrastrukturanbieter Plaid direkt an US-Bankkonten und Broker-Depots angebunden hat. Der Einstieg eines großen KI-Unternehmens in die persönliche Finanzberatung ist vollzogen.
Für Stoy ist das keine Randnotiz: „Es geht am Ende um die Zukunft der Kundenbeziehung im Banking. Und da kann KI eben zum Gamechanger werden“, sagte er am Mittwochabend vor Wirtschaftsjournalisten in Frankfurt. Den Markteintritt von Chase, der Digitalbank von JPMorgan, in Deutschland war ihm kaum ein Nebensatz Es werde sich zeigen, wie der Markt reagiert. Stoys eigentliche Antwort auf den verschärften Wettbewerb ist eine andere.
KI als Hebel, nicht als Strategie
„KI ist für uns keine eigene Strategie. KI wird bei uns als Instrument genutzt, um die Strategie schneller und präziser zu ermöglichen.“ Konkret heißt das: Ein Projekt mit Conversational AI ist in Arbeit, „nicht in 3 bis 5 Jahren, sondern schon bald“. Details nennt Stoy nicht, er will die Konkurrenz nicht darauf stoßen.
Seit Frühjahr 2026 hat die ING in der Baufinanzierung ein erstes KI-Projekt live gestellt: Für ausgewählte Konstellationen entscheidet die Bank binnen 30 Minuten, ohne dass Kunden Unterlagen einreichen müssen, außer dem Energieausweis. Der nächste Schritt: agentische KI für den gesamten Zusageprozess, Ziel 80% aller Fälle an einem Tag. Anschlussfinanzierungen sollen Kunden künftig selbstständig digital abschließen können. Stoy sprach von einem „mächtigen Tool“, das „die Anschlussfinanzierungswelt revolutionieren kann“.
An einer interessanten Lösung für die neue kapitalgedeckte Altersvorsorge arbeiten die Teams bereits. Stoy sieht sein Haus als Digitalbank für ein Online-Angebot in diesem Bereich prädestiniert. Es laufe ein „Heavy Lifting“ in den Teams. Weiter arbeitet die ING am Ausbau des Business Banking mit dem Ziel einer kleinen bis mittleren fünfstelligen Kundenzahl in 2026. Auch die im Januar angekündigte Charge-Kreditkarte wird laut Stoy noch in diesem Jahr kommen.
KI ist viel, aber nicht alles
Dass KI dabei nicht alles löst, weiß auch Stoy. 54% der Befragten einer YouGov-Umfrage im Auftrag der ING können sich rein digitale KI-Beratung vorstellen, je jünger, desto offener. Doch drei Viertel der rund 2.000 Befragten wollen jederzeit einen menschlichen Ansprechpartner, 64% erwarten Klarheit darüber, wann KI entscheidet. Stoys Konsequenz: „Nur alleine auf den Bot zu setzen, ist nicht die richtige Variante.“
Bei den eigenen Schwächen seiner Bank war Stoy offener als bei den KI-Projekten. Das Onboarding-Erlebnis bei ING halte mit Trade Republic noch nicht Schritt, räumt er ein. Intern läuft das Projekt „Lead to Wow“, um diesen und andere Kundenkontaktpunkte wie beispielsweise die App zu verbessern. Details nennt er nicht. Angst vor Trade Republic hat Stoy freilich nicht: Bei Depotkunden und ETF-Sparplänen liege die ING vorne.
Mehr Sorgen bereitet ihm das KI-Modell Mythos von Anthropic. Er sieht es an dieser Stelle ähnlich wie der Vorstandssprecher von Atruvia, Ulrich Coenen, im PLATOW-Gespräch. Denn Mythos kann autonom Sicherheitslücken in kritischer Software aufspüren und Angriffsketten entwickeln. Als Sicherheitsinstrument gedacht, kann es in den falschen Händen ein mächtiges Angriffswerkzeug sein. Anthropic macht es nicht öffentlich zugänglich, Sicherheitsbehörden sind alarmiert. Auch Stoy sieht die Gefahr: „Jeder tut gut daran, das ernst zu nehmen.“ Sein Haus sieht er vorbereitet: „Die IT-Security ist nicht erst ein Thema, seit Anthropic angekündigt hat, dass da ein neues agentisches Modell auf den Markt kommt.“ Doch die KI-Vorteile überwiegen.
KI-Bank als Ziel
Stoy ist sich sicher: „Es wird künftig die Gattung der KI-Banken geben.“ KI könne für die ING der entscheidende Hebel sein, ihre 10 Mio. Kunden noch besser, aktiver und personalisierter zu adressieren. Jüngstes Beispiel: Ein Zinsangebot für eine ausgewählte Kundengruppe. Ziel sei langfristige Bindung, nicht kurzfristiges Ködern. Deutschland war im vierten Quartal 2025 der stärkste Wachstumstreiber im Konzern bei den Mobile Primary Customers, also Kunden, die die ING als Hauptbank nutzen, nicht als Tagesgeldparker. Allerdings verlangsamte sich das Wachstum im ersten Quartal 2026.
Für Stoy liegt die Zukunft des Bankings in einer fruchtbaren Verbindung der KI-Vorteile mit individueller, schneller und persönlicher Beratung. Das ist seine Abgrenzung zu OpenAI. Den Vorteil sieht er bei den Banken: Kundendaten, Vertrauen und regulatorische Kompetenz hat OpenAI nicht.