Wenn es um ihre Zukunft geht, wird EZB-Präsidentin Christine Lagarde schnell genervt. So auch am Donnerstag auf ihrer Pressekonferenz. Dabei haben die Nachfragen einen einfachen Grund: Seit Monaten lässt sie offen, ob sie vorzeitig abtritt, möglicherweise vor der französischen Präsidentschaftswahl im April 2027.

Etwas klarer war sie nun zumindest in einem Punkt: „Sie werden mich vor 2027 nicht los.“ Heißt übersetzt: Dieses Jahr bleibt sie im Amt. Ob sie ihre Amtszeit bis Oktober 2027 ausfüllt, bleibt dagegen zweifelhaft. Ein klares Bekenntnis dazu unterließ sie. Zudem wiederholte Lagarde ihre Schiffsmetapher, wonach sie als Kapitän nicht das Schiff verlasse, solange Wolken am Horizont aufziehen.

Einige Ratsmitglieder haben Zinserhöhung erwogen

Was als Wolke gilt, ließ sie offen. Aktuell gibt es viel, das sich so interpretieren lässt. Der Ölpreis stieg wieder über 90 Dollar, der Iran-Krieg eskaliert. Zwar beließ der EZB-Rat den entscheidenden Einlagenzins bei 2,25%, und die Entscheidung fiel einstimmig.  Doch Lagarde ließ durchblicken, einige Ratsmitglieder hätten schon jetzt eine Erhöhung erwogen. Man habe die Zinsen „vorerst“ unverändert gelassen. Zudem gab sie weitere Hinweise, die für eine Zinserhöhung im September sprechen.

So erklärte sie, dass dann weitere wichtige Daten für die Entscheidung vorliegen würden, darunter die neuen Inflations- und Konjunkturprognosen der EZB. Das vielleicht deutlichste Signal aber setzte Lagarde an anderer Stelle: An den Märkten werden aktuell ungefähr zwei weitere Zinserhöhungen in diesem Jahr eingepreist. Auf die Frage, ob die Märkte richtig einschätzen würden, wie die EZB auf die Lage reagieren wolle, antwortete Lagarde: Die Märkte hätten die Reaktionsfunktion der EZB „sehr gut verstanden“, also die Logik, nach der sie die Zinsen setzt.

Noch Anfang Juli hatte Lagarde unter dem Eindruck des zeitweisen Waffenstillstands im Nahen Osten in ihrer Rede auf der Notenbankkonferenz in Sintra erklärt, die Risiken für die Inflation und das Wachstum seien inzwischen ausgeglichener. Im Juni hatte die EZB noch das Risiko einer höheren Inflation und eines niedrigeren Wachstums hervorgehoben. Zu dieser Juni-Einschätzung kehrte die EZB nun zurück.

Heikles Bankenthema vertagt

In einem Punkt gab sich Lagarde aber gelassen: Derzeit gibt es nach ihrer Aussage keine Hinweise auf Zweitrundeneffekte, also eine Spirale, bei der sich steigende Preise und Löhne gegenseitig hochschaukeln. Die Lohnentwicklung sei weiter moderat.

Vertagt hat der EZB-Rat dagegen ein für die Banken sensibles Thema: eine mögliche Änderung der Mindestreserve, also der unverzinsten Pflichteinlagen, die Banken bei der Notenbank halten. Darüber sei nicht diskutiert worden, sagte Lagarde. Das Thema werde bei den kommenden Sitzungen erörtert.

Die nächste wird auf jeden Fall in mehrfacher Hinsicht interessant. Im September tagt der EZB-Rat nicht wie üblich in Frankfurt, sondern auf Einladung der Bundesbank in Berlin. Dort legt die Notenbank neue Prognosen vor und wird wahrscheinlich die Zinsen erhöhen. Und eines scheint jetzt auch klar: Die Kapitänin wird dann noch an Bord sein.