EZB leitet Kurswechsel ein – Wie weit steigen die Zinsen?
Die Märkte preisen noch mindestens einen weiteren Zinsschritt ein. Lagarde widerspricht nicht. Die Sache hat aber einen Haken.

Die EZB hat erstmals seit knapp drei Jahren die Zinsen angehoben. Sie erhöhte den entscheidenden Einlagenzins um 0,25 Prozentpunkte auf 2,25%. EZB-Präsidentin Christine Lagarde begründete den Schritt mit dem anhaltenden Energiepreisschock. Der Rat folgte damit einstimmig dem Vorschlag von Chefvolkswirt Philipp Lane. Alternativen kamen laut Lagarde nicht zur Sprache. Die entscheidende Frage für Banken und Sparer lautet: Wie viele Zinserhöhungen folgen noch? Dazu lieferte die EZB-Präsidentin nur vorsichtige Hinweise.
Droht wieder der Fehler aus 2011?
Einige Experten, darunter Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding, warnten im Vorfeld vor einem Fehler wie 2011. Damals hatte die EZB kurz vor der Euro-Schuldenkrise die Zinsen angehoben und dadurch die wirtschaftlichen Probleme verschärft. Lagarde wies solche Vergleiche zurück und deutete auf neue Prognosen zu Inflation und Wachstum. Die EZB hob die Inflationsprognosen kräftig an für 2026 (3% statt 2,6%) und 2027 (2,3% statt 2,0%), reduzierte die Wachstumsprognosen aber nur leicht (0,8% statt 0,9%). Die Notenbank analysierte drei Szenarien zur Energiepreiskrise. In allen Fällen, so Lagarde, sei eine Zinserhöhung gerechtfertigt gewesen. Einen wirtschaftlichen Einbruch erwartet sie nicht.
Lagarde setzte früh den Ton für die Pressekonferenz, indem sie betonte, dass sich die Notenbank im aktuellen Umfeld nicht auf weitere Zinsschritte festlegen will. Damit ging es für sie vor allem darum, die PK ohne größere Fehler oder konkrete Hinweise über die Zeit zu bringen. Wichtig war ihr aber, dass der Zinsschritt keinen Versicherungscharakter hat, also kein vorbeugender Schritt ist, der auch bald wieder zurückgenommen werden kann. Zudem sei es auch kein „kräftiger“ Schritt, sondern ein Signal.
Investoren setzen auf weitere Zinsschritte
Damit lässt Lagarde die Tür für weitere Zinserhöhungen in diesem Jahr offen. Aktuell preisen die Märkte neben der Juni-Erhöhung einen weiteren Zinsschritt für 2026 ein. Führende Notenbanker widersprachen diesen Erwartungen bisher nicht. Im Gegenteil: Lagarde erklärte bereits im April, die Märkte hätten verstanden, wie die EZB auf wirtschaftliche Entwicklungen reagiere.
Seit der letzten geldpolitischen Ratssitzung im April hat sich das Inflationsproblem deutlich verschärft. Im Mai stieg die Inflationsrate im Euro-Raum auf 3,2 % und liegt damit deutlich über dem Zielwert von 2%. Der Zinsschritt galt daher als gesetzt.
Angst vor Zweitrundeneffekten
Lagarde hob vor allem den jüngsten Anstieg der Dienstleistungspreise hervor, die im Mai um 3,5% gegenüber dem Vorjahr stiegen (April +3%). „Wir können momentan nicht sagen, worauf genau das zurückzuführen ist.“ Da der Sektor sehr arbeitsintensiv ist und einen großen Anteil an der Wirtschaftsleistung hat, spielt er eine Schlüsselrolle bei der Inflationsdynamik. In der Notenbank fürchten viele Zweitrundeneffekte, also eine Spirale, bei der sich steigende Preise und Löhne gegenseitig verstärken.
Solange Lagarde und ihre Kollegen die Ursachen für den Preisanstieg im Dienstleistungssektor nicht kennen, bleiben klare Signale an die Märkte aus. Die Richtung aber steht fest: Die Zinsen steigen.