Wird die Weihnachtsfeier zu Lagardes Abschied?
In der EZB verdichten sich die Hinweise, dass Präsidentin Christine Lagarde die Notenbank im Januar verlässt. Die Mitarbeiterversammlung vor Weihnachten gilt als Abschiedsfeier. Doch intern brodelt es.

Bis Weihnachten sind es noch zwei Monate. Für Christine Lagarde wird es ohnehin die letzte Mitarbeiterversammlung vor den Festtagen sein. Verabschiedet würde sie regulär aber erst im Herbst 2027, wenn ihre Amtszeit endet. Doch nach Informationen von PLATOW wird die Versammlung im Dezember in der EZB bereits als eine Art interne Abschiedsveranstaltung vorbereitet. In der Notenbank verdichten sich demnach die Hinweise, dass die Französin die EZB im Januar verlassen wird.
Entsprechend gespannt dürfte das Publikum zuhören, wenn Lagarde am Donnerstag nach dem Zinsentscheid der EZB vor die Presse tritt. An Fragen mangelt es nicht: Die Inflation im Euroraum ist auf den höchsten Stand seit drei Jahren gestiegen, Frankreich zahlt für neue Schulden so viel wie seit 2002 nicht mehr, Investoren fürchten eine neue Euro-Krise. Im Juli hatte Lagarde noch versichert: „Wenn am Horizont Wolken aufziehen, bleibt der Kapitän auf dem Schiff.“ Inzwischen sind aus den Wolken Anzeichen für einen Sturm geworden. Und dennoch spricht viel dafür, dass die Kapitänin bald von Bord geht. Nur vier Tage nach der Pressekonferenz soll nach „Reuters“-Informationen das Kuratorium des Weltwirtschaftsforums zusammentreten. Es könnte Lagarde zu seiner neuen Vorsitzenden wählen. Mit einem Abschied im Januar bliebe sie formal bis 2027. Gemessen an ihren eigenen Worten aber ginge sie bei aufziehendem Sturm von Bord.
Gereizte Stimmung in der Notenbank
Besonders genau hören die EZB‑Mitarbeiter hin, wenn Lagarde über ihre Zukunft spricht. Viele sind frustriert über das Hin und Her um ihre Chefin. Dabei gibt es die Sorge, dass wichtige interne Themen liegen bleiben. Eine Mitarbeiterbefragung 2025 hatte Probleme bei der beruflichen Entwicklung und der Diskussionskultur offengelegt. Nur 40 % sahen sich dabei in der Lage, ihre Meinung ohne Angst vor Nachteilen zu äußern, Dienstältere noch seltener. Die EZB-Spitze hatte versprochen, das Thema bis zum Sommer anzugehen. Ende Juni vertröstete Lagarde die Belegschaft auf Ende 2026.
Die Personalpolitik der EZB sei ein „Desaster“, klagte schon vor einiger Zeit ein langjähriger Mitarbeiter der Notenbank. Die Direktoriumsmitglieder interessierten sich nicht dafür. Sie würden sich schon mehrere Jahre vor dem Ende ihrer Amtszeit mit den Folgeposten beschäftigen. EZB-Gründungspräsident Wim Duisenberg sei der Letzte gewesen, der sich hierfür interessiert habe.
Ärger um Memoiren
Diesen Eindruck nähren auch aktuelle Details. So hat das Direktorium bis heute nicht den Ende Juni neu gewählten Betriebsrat empfangen, wie zu hören ist. Wie groß der Ärger ist, zeigen zwei Briefe des Betriebsrats binnen weniger Wochen. Im September forderte er das Direktorium auf, klarzustellen, ob Lagarde und Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel vor dem Ende ihrer Amtszeit gehen. Die anhaltende Ungewissheit schade dem Vertrauen in die EZB, warnte die Personalvertretung. Vorzeitige Abgänge an der Spitze könnten zudem Reformen verzögern, etwa zur Debattenkultur und zu Karriereanreizen.
Im Oktober folgte ein weiteres Schreiben, gerichtet an die Compliance. Es ging um Lagardes Memoiren „Lady First“, die im Januar erscheinen sollen. Auf ihrer Pressekonferenz im September hatte Lagarde dafür geworben. „Ich ermutige Sie sehr, das Buch zu kaufen“, sagte sie den Journalisten. Der Betriebsrat will in dem Schreiben wissen, ob die EZB-Chefin das Buch überhaupt neben ihrem Amt schreiben durfte, ob jemand das Manuskript auf vertrauliche Inhalte geprüft habe und ob die Werbung auf einer offiziellen Pressekonferenz den Verhaltenskodex verletzt. Mitarbeiter müssen jede Veröffentlichung vorab genehmigen lassen. Die EZB erklärte dazu, Lagarde habe sich das Buchprojekt genehmigen lassen, es sei Privatsache.
Zumindest in einem Punkt haben die Mitarbeiter inzwischen Gewissheit: Isabel Schnabel wechselt Anfang Januar zum IWF. Bei Lagarde fehlt sie noch. Die Präsidentin hat zugesagt, bis 2027 zu bleiben. Ob sie ihre Amtszeit bis Ende Oktober 2027 vollendet, hat sie offengelassen. Vielleicht folgt sie am Donnerstag Schnabels Beispiel und schafft Klarheit.