„Ängste vor Verlust des Arbeitsplatzes durch KI können aufsichtlich relevant werden."

Michael Theurer

Vorstandsmitglied Finanzaufsicht und Finanzstabilität bei der Deutschen Bundesbank

KI revolutioniert die Arbeit in der Finanzbranche: Stellen fallen weg, neue Positionen entstehen, Jobbeschreibungen verändern sich. PLATOW hat Branchenprofis gefragt, wie sie mit den sozialen Kosten der KI-Transformation umgehen.

Durch Einführung der Künstlichen Intelligenz wollen Banken effizienter werden. Das wirkt sich auch auf die Jobs aus: Einer Analyse von Morgan Stanley zufolge könnten bis 2030 rund 200.000 Stellen bei europäischen Banken durch KI wegfallen. Hierzulande haben unter anderem die Commerzbank bereits einen Stellenabbau angekündigt, der sich teilweise auf KI zurückführen lässt. Zugleich entstehen neue Berufsfelder und auch die aktuellen Jobprofile verändern sich, was Weiterbildungen und Reskilling nötig macht. Unsere These: Die Finanzbranche bereitet ihre Beschäftigten noch nicht ausreichend vor und preist die sozialen Kosten der KI-Transformation nicht ein.

Was sagen Insider?

Michael Theurer, Vorstandsmitglied für Finanzaufsicht und Finanzstabilität bei der Deutschen Bundesbank: „Aus bankenaufsichtlicher Sicht ist KI vor allem dann relevant, wenn ihr Einsatz Cyber- und IKT-Risiken, Kontrollschwächen, Haftungsfragen, Datenschutzprobleme oder Vertrauensverluste bei Kunden auslöst oder verstärkt. Soziale Folgen wie Ängste vor Verlust des Arbeitsplatzes oder die Entwertung bestimmter Qualifikationen können aufsichtlich relevant werden, wenn dadurch Kompetenzlücken, Wissensabfluss, Fehlbedienung oder Abhängigkeiten von Dienstleistern entstehen. Entscheidend ist daher, dass Institute KI nicht nur als Effizienz- und Wettbewerbsinstrument einsetzen, sondern mit robuster Governance, moderner IT, klaren Verantwortlichkeiten und ausreichender Qualifikation absichern.“

Stephan Szukalski, Vorsitzender der Gewerkschaft der Finanzdienstleister (DBV): „Hinsichtlich der sozialen Begleitung der Einführung Künstlicher Intelligenz sehen wir Licht und Schatten. Einerseits starten die meisten Häuser die Einführung mit umfangreichen, begleitenden Pflicht-Schulungen für die Beschäftigten. Das ist positiv und unterscheidet sich von früheren Technologie-Schüben. Andererseits beschwören viele Arbeitgeber Szenarien, die völlig überzogen und realitätsfern sind, und dabei nicht einmal ansatzweise konkretisiert werden. Die destruktive Lust am Untergang mancher Arbeitgeberkommunikationen ist für viele Beschäftigte eine große Belastung und macht Angst. Ausgelassen wird dabei gerne, dass KI zwar Arbeitsplätze kosten wird, aber auch Arbeitsplätze schafft. Darüber hinaus wird KI aus unserer Sicht die meisten Arbeitsplätze nur verändern. Kolleginnen und Kollegen, deren Arbeitsplatz konkret wegfällt, werden andere Beschäftigte ersetzen können, die in Rente gehen. Und es gibt einen umfangreichen Bauchladen von tariflichen Sozialplan-Instrumenten wie Altersregelungen und Abfindungsprogramme, die eine freiwillige Umsetzung der Veränderungen machbar erscheinen lassen.“

Stefan Peiß, Risikovorstand der KfW: „Ein besonderes Risiko ist das blinde Vertrauen in scheinbar plausible Ergebnisse. KI kann Texte, Analysen oder Entscheidungsvorschläge überzeugend formulieren, auch wenn sie fachlich falsch oder unvollständig sind. Genau deshalb ist Kompetenzaufbau ein harter Faktor für gute Governance. Finanzinstitute brauchen technisches Grundverständnis, klare Regeln für den Einsatz, sichere Datenverarbeitung und ein Bewusstsein für rechtliche und ethische Grenzen. Führungskräfte müssen Veränderungen in Rollen und Prozessen aktiv begleiten. Sonst entstehen nicht nur Akzeptanzprobleme, sondern auch operative und regulatorische Risiken.“

Kristina Trink, Chief Risk Officer bei der DKB: „Die soziale Frage lautet nicht, ob uns die Arbeit ausgeht, sondern, ob Qualifizierung mit der Geschwindigkeit der Veränderung Schritt hält. KI kann Routineaufgaben übernehmen und menschliche Arbeit auf Urteilsvermögen, Beratung und komplexe Sachverhalte verlagern. Die fortschrittlichste Bank ist nicht die mit den wenigsten Menschen, sondern die Bank, die es schafft, Menschen zu befähigen, so dass sie mit KI produktiver werden. Bei der DKB gibt es dafür bereits unterschiedliche KI-Lernangebote und begleitende Weiterbildungsmaßnahmen.“ 

Isabelle Bénard, Chief Product und AI Officer beim Zahlungsdienstleister Unzer: „Ich stimme zu, dass viele Unternehmen mittlerweile zwar ganz selbstverständlich Zugang zu KI im Unternehmen anbieten, aber noch zu wenig in die Weiterbildung investieren. Das ist wie mit dem Fitnessstudio: Ein Abo macht noch niemanden fit. Genauso wenig macht der Zugang zu KI-Tools ein Unternehmen automatisch produktiver. Entscheidend sind praktische Fähigkeiten, Zeit zum Ausprobieren, klare Prozesse und Führungskräfte, die KI selbst im Alltag nutzen und Vorbild sind. Bei Unzer haben wir KI deshalb zu einem von fünf Unternehmenszielen gemacht und investieren gezielt in die Ausbildung: Wir haben KI-Botschafter, hatten eine KI-Woche und einen firmenweiten Hackathon und im Herbst folgen unsere KI-Lab-Tage. Letztlich geht es um eine Veränderung der Unternehmenskultur – nicht nur um die Einführung neuer Technologien.“

Sebastian Brecht, Senior Manager bei der auf die Finanzbranche spezialisierten Unternehmensberatung Zeb: „Viele Institute sind bei grundlegender und allgemeiner Qualifizierung zur KI aktiv, auch weil sie die KI-Verordnung der EU mit Artikel 4 seit Februar 2025 dazu anhält. Die wenigsten Institute haben aber ein konkretes Konzept, welche Rollen und Fähigkeiten in fünf Jahren in welchem Umfang gebraucht werden, wie man sich diese sichert und Mitarbeitende dorthin entwickelt. Wir schauen kritisch auf die sich abzeichnende strukturelle Fachkräfte-Lücke: Wenn Sachbearbeitung und Regelprozesse – auch mit KI – digitalisiert sind, sind besonders erfahrene Expertinnen und Experten gefragt, die die Prozesse und KI-Agenten gestalten, Ergebnisse kontrollieren und komplexe Analysen durchführen. Es ist noch nicht geklärt, wie diese Expertise aufgebaut wird, wenn die Einstiegstätigkeiten nicht mehr existieren.“

Redaktion: Sophie Deistler