Christine Lagarde redet gern über Schiffe. In turbulenten Zeiten, sagte sie gerade der französischen Wirtschaftszeitung „Les Echos“, müsse „der Kapitän des EZB-Schiffs an Bord bleiben“. Ihre Amtszeit laufe schließlich noch bis Oktober 2027. Ob sie bei ruhigerer See früher gehen könnte, um sich in den französischen Wahlkampf einzubringen? „Das ist möglich.“

Ein Dementi mit kurzem Verfallsdatum

Es wäre nicht das erste Schiff, das Lagarde entgegen vorheriger Treuebekundung früher verlässt. Als 2018 über die Nachfolge von EZB-Präsident Mario Draghi spekuliert wurde, versicherte die damalige IWF-Chefin der „Financial Times“, sie sei an keinem europäischen Spitzenamt interessiert – „EZB, EU-Kommission, da da da da da“, nichts davon („No, no, no, no, no“). Sie werde „dieses schöne Schiff“, gemeint war der Internationale Währungsfonds (IWF), „nicht verlassen, wenn draußen raue See drohen könnte“.

Gut ein Jahr später wechselte sie als neue EZB-Präsidentin nach Frankfurt.  Wie wahrscheinlich ist also ein vorzeitiger Abgang? Durchaus plausibel. Ob und wann es dazu kommt, hängt an zwei Faktoren: Donald Trumps Iran-Politik und der französischen Innenpolitik.

Der Ölpreis entscheidet, wann die Mission erfüllt ist

Der Krieg gegen den Iran trieb den Ölpreis in die Höhe – und mit ihm die Inflation im Euroraum, die wieder deutlich über dem EZB-Zielwert von 2% liegt.

Kurzfristig kann die EZB dagegen wenig ausrichten. Mögliche Zinserhöhungen wirken mit zeitlicher Verzögerung. Zudem schlagen die höheren Energiepreise mit der Zeit auch auf immer mehr Teile der Wirtschaft durch. Seit sich der Iran-Konflikt entspannt hat, ist der Ölpreis überraschend stark gesunken. Die in der Opec plus organisierten Öl-Staaten wollen die Fördermengen nun weiter ausweiten. Die US-Bank Morgan Stanley warnt schon vor einer Ölschwemme. Kommt es dazu, könnte sich die Inflation im Euroraum relativ schnell wieder Richtung 2% bewegen. Für Lagarde hieße das: Mission erfüllt. Im „Les Echos“-Interview hatte sie nicht nur den Kapitän bemüht, der in turbulenten Zeiten an Bord bleiben müsse. Sie sagte auch, sie sehe ihre Aufgabe darin, Preisstabilität zu gewährleisten. Sind die Preise stabil, ist die See ruhig. Nach ihrer eigenen Logik könnte sie dann abtreten.

Wahltermin April 2027

Die französische Innenpolitik wiederum setzt das Zeitfenster. Im April 2027 wählt das Land einen neuen Präsidenten, der rechtsnationale Rassemblement National hat reale Siegchancen, Emmanuel Macron darf nicht mehr antreten. Nach der Wahl kann Macron keine europäischen Spitzenposten mehr aushandeln – auch nicht Lagardes Nachfolge in Frankfurt. Das Fenster in Paris schließt sich deutlich vor dem Ende von Lagardes Amtszeit.

In der EZB selbst würden viele Mitarbeiter einen vorzeitigen Abgang mit gemischten Gefühlen sehen. Zwar ist das Verhältnis zwischen der Präsidentin und Teilen der Belegschaft, insbesondere der Personalvertretung, seit langem angespannt. Doch es gibt noch eine Zusage, die Lagarde bisher nicht eingelöst hat.

Lösungen vor dem Sommer? Jetzt heißt es Ende 2026

Auslöser war eine Mitarbeiterbefragung 2025, die großen Unmut offenlegte. Wie tief dieser sitzt, zeigen Auswertungen, die die EZB vergangene Woche nach einem Transparenzantrag offenlegte. Danach nimmt die Bereitschaft, offen zu sprechen, mit den Dienstjahren ab. In der Personalvertretung liest man das so: Wer das System kennt, hat gelernt zu schweigen.

Das Direktorium bestreitet die Probleme nicht. Als Prioritäten aus der Befragung benannte die Führung selbst drei Felder: berufliche Entwicklung, eine Kultur des Offen-Aussprechens („Speak up“) und offene Kommunikation.

Im März versprach EZB-Verwaltungschefin Myriam Moufakkir per Brief an die Belegschaft konkrete Lösungen noch vor dem Sommer im Namen der gesamten EZB-Spitze. Inzwischen aber ist davon nichts mehr zu hören. In einer Town Hall Ende Juni vertröstete Lagarde die Mitarbeiter auf Ende 2026. Nun stellt sich die Frage, ob sie dann überhaupt noch da ist. Ein Wechsel an der Spitze würde die Sache eher verzögern. Ein Nachfolger hätte zunächst andere Prioritäten. Lagarde allerdings dürfte das von einem Abgang kaum abhalten. Vorzeitig von Bord gegangen ist sie schon einmal.