Was Sie zum digitalen Euro jetzt wissen müssen
Der digitale Euro hat im EU-Parlament eine wichtige Hürde genommen. Die EZB will ihn 2029 einführen. PLATOW ordnet ein, was das Votum bedeutet und wie es jetzt weitergeht.

Der digitale Euro rückt näher. Mit der Zustimmung des Wirtschafts- und Währungsausschusses (ECON) des Europäischen Parlaments hat das Projekt am Dienstag eine wichtige Hürde genommen. Bis zur Einführung dürften jedoch noch Jahre vergehen. Die EZB plant, den digitalen Euro 2029 für Privatkunden einzuführen, doch Zweifel an diesem Zeitplan bleiben. Je konkreter das Projekt wird, desto intensiver diskutieren Experten über Nutzen, Kosten und Folgen für die Banken. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Aufgaben Banken, Zentralbanken und private Anbieter künftig im Zahlungsverkehr übernehmen sollen. PLATOW beantwortet die wichtigsten Fragen.
1. Was bedeutet das Votum für den digitalen Euro?
Das Votum ist ein Meilenstein, denn die Abstimmung hatte sich lange verzögert. Die Berichterstatter des Parlaments, der Spanier Fernando Navarrete Rojas und sein Vorgänger Stefan Berger (CDU), stehen dem Projekt skeptisch gegenüber. Ohne klare Vorgaben des Parlaments kann die EZB jedoch nicht weitermachen. Nach der Zustimmung des ECON-Ausschusses gilt die Zustimmung des Parlamentsplenums in zwei Wochen als Formsache. Noch im Juli sollen die Schlussverhandlungen zwischen EU-Parlament, EU-Kommission und den nationalen Regierungen – der sogenannte Trilog – beginnen. Wie zu hören ist, plant die irische Ratspräsidentschaft die erste Sitzung für den 13. Juli, gefolgt von technischen Gesprächen. So könnten die Finanzministerien bereits Aufgaben für die Sommerpause erhalten. Läuft alles nach Plan, könnte das Gesetz bis Ende 2026 stehen.
2. Wann kommt der digitale Euro?
Die EZB strebt weiterhin eine Einführung für Privatpersonen im Jahr 2029 an. Bis dahin sind jedoch mehrere Schritte nötig. Nach dem Parlamentsvotum starten voraussichtlich im Juli die Trilog-Verhandlungen. Voraussetzung ist, dass Parlament, Rat und Kommission das Gesetz bis Ende 2026 verabschieden. Danach wird die EZB ihre Planungen an den endgültigen Gesetzestext anpassen. In der zweiten Jahreshälfte 2027 soll eine etwa anderthalbjährige Pilotphase beginnen. Verläuft diese erfolgreich, könnte der digitale Euro 2029 starten. Ob der Zeitplan hält, hängt davon ab, wie schnell sich die EU-Institutionen einigen und ob das Projekt technisch wie geplant vorankommt.
3. Braucht Europa den digitalen Euro überhaupt?
Die Argumente für den digitalen Euro haben sich gewandelt. Anfangs begründeten Befürworter das Projekt mit der sinkenden Bargeldnutzung. Heute stehen industriepolitische und souveränitätspolitische Überlegungen im Vordergrund. Der digitale Euro soll die Unabhängigkeit des europäischen Zahlungsverkehrs stärken. Kritiker sehen darin jedoch ein „Projekt auf der Suche nach einem Anwendungsfall“. Sie verweisen auf bestehende Alternativen wie Instant Payments oder private Bezahllösungen. Banken warnen zudem vor hohen Investitionskosten und Risiken für ihr Einlagengeschäft. Bislang hat kein großes Land eine vergleichbare digitale Zentralbankwährung für Privatpersonen eingeführt. Selbst Schweden, wo seit über einem Jahrzehnt über die E-Krone diskutiert wird, hat sich bisher nicht dazu durchgerungen.
4. Welche zwei Formen des digitalen Euro plant die EZB?
Die EZB verfolgt zwei Ansätze: den Retail-Digital-Euro und den Wholesale-Digital-Euro. Der Retail-Digital-Euro richtet sich an Privatpersonen und Unternehmen. Er soll Bargeld ergänzen und im Alltag genutzt werden, etwa beim Einkaufen oder im Onlinehandel. Seine Einführung ist für 2029 geplant. Der Wholesale-Digital-Euro hingegen zielt auf Banken, Börsen und andere Finanzmarktteilnehmer. Er soll den Zahlungsverkehr zwischen Finanzinstituten sowie die Abwicklung von Wertpapiergeschäften beschleunigen und automatisieren. Erste Anwendungen könnten Ende des dritten Quartals 2026 starten. Langfristig soll er die Infrastruktur für digitale Finanzmärkte modernisieren. Ursprünglich wollten die Bundesbank und die Banque de France mit dem Wholesale-Digital-Euro beginnen, da sie dort den größeren Nutzen sahen. Im EZB-Rat setzte sich jedoch die Mehrheit für den Retail-Digital-Euro durch.
5. Welche Rolle spielen Stablecoins?
Ein wichtiger Auslöser für den digitalen Euro war Facebooks Ankündigung 2019, mit Libra einen eigenen Stablecoin auf den Markt zu bringen. Dieser „Libra-Moment“ zeigte den Notenbanken, wie stark private Anbieter den Zahlungsverkehr verändern könnten. Auch wenn Libra scheiterte, haben Stablecoins – Krypto-Assets, die an Währungen wie den US-Dollar gekoppelt sind – an Bedeutung gewonnen. Heute entfallen rund 98 % des weltweiten Stablecoin-Marktes auf den US-Dollar.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde sieht in Stablecoins Risiken für die Finanzstabilität und die geldpolitische Autonomie der EZB. Der digitale Euro soll eine europäische Antwort darauf sein. Bundesbank-Vorstand Burkhard Balz plädierte kürzlich im PLATOW-Interview dafür, sowohl den digitalen Euro als auch private Initiativen zu fördern. Mit Micar hat die EU bereits einen einheitlichen Regulierungsrahmen für Krypto-Assets geschaffen. „Natürlich müssen wir auch der gegenwärtigen Dominanz von US-Stablecoins Rechnung tragen,“ sagte Balz.
6. Was sind die offenen Streitpunkte?
Trotz des Parlamentsvotums sind wichtige Fragen weiter umstritten. Besonders umstritten ist die Vergütung der Banken, also die Gebühren, die Banken und Zahlungsdienstleister für Transaktionen mit dem digitalen Euro erhalten. Diese hängen von den Kosten der Institute ab. Eine Studie von PwC im Auftrag europäischer Bankenverbände schätzt die Kosten auf 30 Mrd. Euro. Kaum eine Studie erhitzt die Gemüter in EZB und Bundesbank so sehr wie diese. Wer die Zahlen nur erwähnt, sorgt zuverlässig für hochgezogene Augenbrauen. Es ist dann die Rede von einer bestellten Studie mit methodischen Schwächen. Die EZB hält die Schätzung für deutlich überzogen und kalkuliert mit 4 bis 5,8 Mrd. Euro über vier Jahre.
Weitere Streitpunkte betreffen die Halteobergrenzen und die Rolle der EZB-App. Halteobergrenzen sollen verhindern, dass Nutzer zu viele digitale Euros halten und dadurch Einlagen bei Banken abziehen. Bei der EZB-App geht es darum, ob Bürger den digitalen Euro direkt über eine App der EZB nutzen können oder ob dies über die Apps ihrer Hausbanken erfolgen soll.