Michael Weidmann schont keine alten Zöpfe. Als er im April 2025 den Vorsitz bei der Sparda-Bank Hessen von Markus Müller übernahm, begann bereits einen Monat später ein breit angelegter Strategieprozess mit interner und externer Expertise. Die Analyse mündete im Februar 2026 in einem Vorstandsbeschluss. Das Ergebnis: Eine der 20 größten Genossenschaftsbanken des Landes wird völlig neu ausgerichtet. „Wir haben Strukturen, Prozesse und Standards neu aufgesetzt und damit das Fundament der Bank dauerhaft noch weiter gefestigt“, erklärt Weidmann im Gespräch mit PLATOW, seinem ersten Interview seit dem Wechsel.

Geerbt hat Weidmann einiges: Unter Müllers siebeneinhalbjähriger Führung hatte sich das Geschäftsmodell der Bank vom Kerngeschäft entfernt. 2024 stellte eine Bafin-Sonderprüfung Mängel mit Auswirkungen auf den ordnungsgemäßen Betrieb der Geschäfte und die Funktionsfähigkeit des Risikomanagements fest. Die Bank steht auf der Präventionsliste des BVR, einem Frühwarnsystem der Genossen für Institute mit erhöhtem Risiko für ihre finanzielle Stabilität. Zudem gab es mediale Kritik am Sparda-Tower. Der 124 Meter hohe Turm in Frankfurt sei überdimensioniert, teuer und belaste die Bilanz.

Weidmann ist in einer besonderen Lage: Er trug als Vize die Entscheidungen der Bank in den letzten Jahren mit, gleichwohl muss er das Geschäft umbauen und ist im Gespräch mit uns darauf bedacht, Müllers Bilanz nicht zu diskreditieren. „Die strategische Ausrichtung der Bank geschieht nicht als eine Reaktion auf Vergangenheit oder Gegenwart. Sie soll vielmehr mit Blick auf zukünftige Anforderungen frühzeitig die Weichen stellen.“

Das Erbe und der Frankfurter Tower 

Als neuer Chef erbte Weidmann eine Bank im Blick der Bafin. Keine einfache Startposition: „Die Feststellungen der Aufsicht haben uns in einzelnen Bereichen in einem Ausmaß getroffen, das wir so nicht vermutet hatten.“ Als Folge wurden Angemessenheitsnachweise im Risikomanagement und Werkzeuge zur Risikobewertung eingeführt, u. a. im Bereich IT-Sicherheit. Vom Ergebnis ist er überzeugt: „Wir haben alle Maßnahmen konsequent, fristgerecht und mit der nötigen Demut abgearbeitet und uns von PwC abschließend bestätigen lassen, dass alle Maßnahmen angemessen umgesetzt wurden.“

Entwarnung gibt Weidmann beim Sparda-Tower, der im Sommer fertiggestellt wird. Ein unabhängiges Gutachten hatte 2024 eine Wertminderung von 76 Mio. Euro festgestellt, davon 73 Mio. als temporär eingestuft. Weidmann widerspricht: „Die jährlichen Gutachten zum Tower zeigen keine dauerhafte Wertminderung, also sind auch keine außerplanmäßigen Abschreibungen notwendig. Daran hat die Zinsentwicklung der letzten Jahre nichts geändert.“ Die planmäßige Abschreibung des Towers, der zum nicht genannten Festpreis gekauft wurde, beginne 2026.

Weidmanns bestes Argument gegen Kritiker ist die Vermietungssituation: „Wir haben eine Immobilie, die in bester Lage bis auf dreieinhalb Etagen bereits langfristig fest vermietet ist.“ Hauptmieter sind die Messe Frankfurt und das Atlantic Hotel, das Gästen künftig einen kurzen Weg vom Hotel zur Messe bietet. Zusammen mieten sie 24,5 der 34 Etagen, vier nutzt die Sparda selbst, der Rest ist für Konferenzen und Veranstaltungen vorgesehen oder in Verhandlung. Vor diesem Hintergrund, so Weidmann, überlasse er die Antwort auf die Frage einer möglichen Überdimensionierung gern anderen.

Kreditgeschäft braucht mehr Schwung

Beim Geschäftsmodell der Sparda-Bank Hessen drängen sich zwei Fragen auf: Hat die Bank strukturelle Probleme – und reicht die Ertragskraft? Weidmann weiß, welche Bedeutung das hat: „Als Bank will man auf viele Listen, aber natürlich nicht auf die Präventionsliste des BVR.“ Die Gründe dafür liegen tief im Geschäftsmodell: Der vergleichsweise hohe Wertpapierbestand von 4,1 Mrd. Euro bedeutet rund 44% der Bilanzsumme, während das Baufinanzierungsvolumen von 3,27 Mrd. Euro branchenuntypisch nur 34% der Bilanzsumme ausmacht.

Die hohen Wertpapierbestände seien eine direkte Folge des zu schwachen Kreditgeschäfts, erklärt Weidmann. Das Zinsergebnis von 116 Mio. Euro in 2022 fiel auf 85 Mio. Euro in 2024. Wer zu wenig Kredite vergebe, müsse das Geld der Kunden anderweitig anlegen, aber mit steigendem Kreditgeschäft würden die Wertpapierbestände automatisch sinken.

Das Geschäftsmodell ist auch ein Ergebnis des IT-Umzugs zu Atruvia, der die Bank zwei Jahre lang beschäftigte. Ein Problem der spät migrierten Sparda-Banken. Weidmann: „Wir haben uns 2024 und 2025 zu stark mit uns selbst beschäftigen müssen und kamen nicht dazu, unserem eigentlichen Auftrag – dem Kundengeschäft – die nötige Intensität zu widmen.“

Das Zinsergebnis und die laufenden Erträge zusammen stiegen 2025 um rund 13% gegenüber 2024. Das gehe in die richtige Richtung, so Weidmann. Aber das noch nicht veröffentlichte Gesamtergebnis 2025 bleibe trotzdem schwach. Die Migrationskosten für 2024 und 2025 beliefen sich auf rund 26 Mio. Euro. Hinzu kämen indirekte Verluste durch weniger Neugeschäft und gesunkene Markenbekanntheit.

Cost-Income-Ratio bis 2030 unter 70 Prozent

Die neue Richtung gibt das interne Zukunftsprogramm „elev8″ vor, das im Juli 2025 startete, zwei Monate nach Aufnahme des Strategieprozesses. Zwölf der 31 Vorhaben haben höchste Priorität und sollen bereits bis Ende Juni 2026 abgeschlossen sein. Zu diesen besonders dringlichen Vorhaben zählt u. a. eine neue Aufbauorganisation, damit die Struktur der Bank zur neuen Strategie passe. Parallel laufen weitere Projekte, darunter die Stärkung des Baufinanzierungsgeschäfts und der Einsatz von KI zur Verkürzung der Kreditbearbeitungszeiten. Konkret: Ein FAQ-Bot auf der Website soll Kundenanfragen künftig automatisch beantworten, KI die Bearbeitungszeit bei Baufinanzierungen verkürzen. Das Ziel: „In der Baufinanzierung wollen wir die jährlichen Kreditneuzusagen bis 2030 verdoppeln.“ Ein weiteres Vorhaben: Die Cost-Income-Ratio soll bis 2030 unter 70 fallen. Den aktuellen Wert nennt Weidmann vorsorglich nicht, 2024 und 2025 seien Transformationsjahre gewesen und daher kein geeigneter Ausgangspunkt.

Das wohl anspruchsvollste Ziel setzt sich Weidmann bei den Kunden: „Im Jahr 2030 wollen wir jährlich 15.000 Neukunden in der Altersgruppe der 30- bis 50-jährigen Hessen gewinnen, kein kumulierter Wert, sondern die Zielmarke für ein einzelnes Jahr.“ Das wäre eine Verfünffachung, 2024 hatte die Bank 2.833 Neukunden über alle Altersgruppen verzeichnet. 2025 war migrationsbedingt noch schwächer, wenn auch besser als manch andere Sparda-Bank. Hinzu kommt der umkämpfte Frankfurter Bankenmarkt, in dem die Frankfurter Volksbank und die Frankfurter Sparkasse zuletzt Rekordergebnisse einfuhren.

Bei der Kundengewinnung helfen soll das kostenlose Girokonto, das die Hessen im Gegensatz zu anderen Spardas weiterhin kostenlos anbieten. Dass es eine Antwort auf die Frankfurter Mitbewerber sei, verneint Weidmann – nur um süffisant hinzuzufügen, dass es in Frankfurt für die Zielgruppe 30 bis 50 kaum noch kostenlose Alternativen gebe. Zusätzlichen Rückenwind soll die Multimedia-Kampagne „Da wenn’s zählt“ bringen, die seit Ende April im Markt ist.

Schluss mit der Selbstbeschäftigung

Weidmann greift an. Nach Jahren des verhaltenen Auftretens sei sein Haus endlich wieder mit eigenen Botschaften präsent: „Wenn man aufhört, in die Marke zu investieren, geht es vielleicht ein, zwei Jahre gut, aber irgendwann erodiert die Bekanntheit. Damit ist jetzt Schluss.“ Die Pläne sind groß, die Konkurrenz auch.