Warum EZB-Ökonomen keinen längeren Inflationsschub wie 2022 erwarten
Die Inflation im Euro-Raum ist im Mai auf 3,2% gestiegen. Experten der Notenbank gehen davon aus, dass der Schock diesmal weniger nachhaltig wirkt. Die Sache hat aber einen Haken.

Vor rund vier Jahren beging die EZB einen der größten Fehler ihrer noch jungen Geschichte: Sie ließ die Inflation zu lange laufen und musste dann mit brutalen Zinserhöhungen gegensteuern. Dieses Trauma sitzt bei vielen Entscheidern der Notenbank noch tief.
Nun steigt die Inflation erneut. Im Mai erreichte sie im Euro-Raum 3,2%, ausgelöst durch den Energiepreisschock infolge des Iran-Kriegs. Wenn der EZB-Rat nächste Woche in Frankfurt tagt, gilt eine Zinserhöhung als sicher. Die entscheidende Frage lautet: Wie weit muss die EZB diesmal gehen? Investoren rechnen bereits mit mindestens zwei Zinsschritten in diesem Jahr.
Isabel Schnabel, Mitglied des Direktoriums und Befürworterin einer straffen Geldpolitik, erklärte am Montag, es sei zu früh, die Zahl der nötigen Zinserhöhungen zu beziffern. Der litauische Notenbankchef Šimkus hält eine zweite Erhöhung nach Juni für wahrscheinlich. Doch es gibt auch warnende Stimmen. Ein neuer Blogbeitrag von EZB-Ökonomen, veröffentlicht am Mittwoch, liefert eine andere Perspektive. Die Autoren argumentieren, dass der Energieschock dieses Mal auf eine grundlegend andere Wirtschaft trifft als 2022 und daher weniger nachhaltig wirkt. Besonders Gewicht hat der Beitrag, weil Óscar Arce, Chef des Geldpolitischen Ausschusses des Eurosystems, zu den Verfassern gehört. Er bereitet die Zinsentscheidungen der EZB inhaltlich vor.
Ein anderer Schock
Die Ökonomen stützen ihre Einschätzung auf zwei Hauptargumente. Erstens unterscheidet sich der aktuelle Schock. 2022 trieben vor allem stark steigende Gaspreise die Inflation, deren Folgen sich monatelang in den Strom- und Gasrechnungen der Verbraucher niederschlugen. Dieses Mal steht Öl im Fokus. Ölpreise wirken zwar schneller, etwa an der Zapfsäule, treffen die Wirtschaft aber weniger breit. Zudem dämpft der gestiegene Anteil erneuerbarer Energien den Effekt auf die Strompreise heute stärker als vor vier Jahren.
Zweitens ist die wirtschaftliche Lage eine andere. Als Russland die Ukraine überfiel, lief die Konjunktur heiß. Die Nachfrage war hoch, Lieferketten überlastet, der Arbeitsmarkt angespannt, die Inflation bereits bei etwa 5%. Heute zeigt sich ein gegenteiliges Bild: Vor dem neuen Schock lag die Inflation knapp unter dem EZB-Ziel von 2%. Unternehmen klagen über fehlende Aufträge statt Materialmangel, und die Arbeitslosigkeit ist gestiegen. In einem solchen Umfeld schlucken Firmen Kostensteigerungen eher, statt sie an Kunden weiterzugeben.
Risiken bleiben
Die Ökonomen räumen jedoch Risiken ein. Der aktuelle Schock sei globaler als 2022. Zudem hätten die Regierungen weniger finanziellen Spielraum, um mit Preisdeckeln oder Hilfen gegenzusteuern. Auch die Erinnerung an die Teuerungswelle sei bei Haushalten und Unternehmen noch frisch. Wer sie erlebt hat, könnte schneller auf neue Preissteigerungen reagieren und höhere Löhne oder Preise fordern.
Trotzdem klingt der Beitrag insgesamt beruhigend. Vielleicht zu Recht. Doch auch 2022 erklärten führende Notenbanker die Inflation zunächst für vorübergehend. Der Ausgang ist bekannt.