Dauerhaft höhere Finanzierungskosten gelten als neues Normal
Der Zinsschritt der EZB stößt bei Immobilienexperten auf breite Zustimmung. Ohnehin richtet sich die Branche auf dauerhaft höhere Finanzierungskosten ein – mit Folgen für die Geschäftsmodelle.

ifo-Präsident Clemens Fuest bewertet die Entscheidung der EZB, den Leitzins um 25 Basispunkte zu erhöhen, angesichts der erhöhten Inflation als folgerichtig. Die Notenbank habe letztlich lediglich nachvollzogen, was die Finanzmärkte bereits erwartet und eingepreist hätten. Ähnlich argumentiert Steffen Sebastian vom IREBS. Höhere Verteidigungsausgaben, wachsende Investitionsbedarfe und steigende Staatsverschuldung dürften langfristig eher zu höheren Kapitalmarktzinsen führen. Die Immobilienwirtschaft müsse Geschäftsmodelle und Kalkulationen dauerhaft an ein höheres Zinsniveau anpassen.
Auch erwartet die Branche keine grundsätzliche Verschlechterung des Marktumfelds, sondern vielmehr eine Anpassung der Geschäftsmodelle. Nach Einschätzung von Francesco Fedele, CEO BF.direkt, werden sich die Veränderungen der Geschäftsmodelle insbesondere bei Grundstückspreisen, Finanzierungsstrukturen und Investitionsentscheidungen bemerkbar machen. Gleichzeitig könnten frühere Vertrags- und Optionsmodelle eine Renaissance erleben. Während der Niedrigzinsphase seien Konstruktionen, bei denen Grundstücke erst nach Erteilung von Baurecht oder Baugenehmigung bezahlt wurden, weitgehend verschwunden. Solche Modelle könnten nun wieder an Bedeutung gewinnen, um Risiken zwischen Eigentümern und Projektentwicklern besser zu verteilen.
Sinkende Investitionen erwartet
Ulrich Creydt, Geschäftsführer der Ypsilon Group, erwartet eine Eintrübung der Marktstimmung, schwierigere Finanzierungsbedingungen für Entwickler und Investoren sowie eine sinkende Zahl von Transaktionen. Unsicherheit und Inflationssorgen könnten viele Haushalte davon abhalten, Wohneigentum zu erwerben. Dies verstärke den sogenannten Lock-in-Effekt. Patrick Brinker von Hauck Aufhäuser Lampe, sieht ebenfalls eine Verschärfung der Investitionszurückhaltung. Höhere Finanzierungskosten erhöhten den Druck auf zahlreiche Marktteilnehmer und erschwerten sowohl Neuinvestitionen als auch Anschlussfinanzierungen bestehender Projekte. Dennoch könnten eigenkapitalstarke Fonds ohne Fremdfinanzierung Marktchancen nutzen, die anderen Investoren verschlossen blieben. Künftig werde Kapital noch stärker in Segmente fließen, die stabile und langfristige Erträge versprechen.
Keine Sorge bei Anschlussfinanzierungen
Felix Schindler, Head of Research HIH Invest, verweist auf die zunehmende Breite des Inflationsdrucks. Die Preisentwicklung greife inzwischen auf immer mehr Güter und Dienstleistungen über. Schindler hält einen weiteren Zinsschritt im Laufe des Jahres für möglich. Für die Immobilienmärkte seien aber vor allem die langfristigen Kapitalmarktzinsen, die bereits seit Monaten gestiegen seien, entscheidend. Das bestätigt Jörg Utecht, Vorstandschef der Interhyp Gruppe, außerdem sei der Spielraum für weitere Zinsschritte aufgrund der schwachen Konjunktur im Euroraum begrenzt. Bei den Bauzinsen beobachte Interhyp derzeit eine Stabilisierung auf einem Niveau von rund 4% für zehnjährige Darlehen. Insgesamt sei jedoch eher mit einer Seitwärtsbewegung zu rechnen. Besondere Aufmerksamkeit widmet Interhyp den Anschlussfinanzierungen. Entgegen vielfach geäußerter Sorgen komme es dort bislang kaum zu Überforderungssituationen. Die meisten Haushalte verfügten heute über deutlich geringere Restschulden als zum Zeitpunkt der Erstfinanzierung, hätten erhebliche Tilgungsleistungen erbracht und profitierten von gestiegenen Einkommen. Der Anteil kritischer Fälle liege nach Angaben von Interhyp bei unter 1%.