Kurzfristig passiere aufgrund des vorgesehenen Bestandsschutzes für bestehende Bewohner zunächst wenig, so Hölzer, der mit 30 Jahren Erfahrung in der Altenpflege und als Geschäftsführer der Pflegeheimbetreiber Vitalis und Casa Mia die Pläne der Bundesregierung kritisch hinterfragt. Mittelfristig würden die geplanten Veränderungen bei der Pflegegradbegutachtung, insbesondere bei leichteren Pflegefällen, den Pflegegradmix schrittweise verändern. Diese Änderungen sowie eine verlängerte häusliche Pflege, insbesondere bei leichteren Pflegefällen, könnten dazu führen, dass Menschen später und mit höherem Versorgungsbedarf in stationäre Einrichtungen wechseln.

Wirtschaftlichkeitsrisiko steigt

Aufnahmemanagement und ein transparentes Controlling des Pflegegradmixes werden deshalb zu zentralen unternehmerischen Steuerungsinstrumenten. Gleichzeitig nehme aber der Wettbewerb um knapper werdende Pflegekräfte weiter zu, so Hölzer. Die geplanten Änderungen der Entlohnungs- und Refinanzierungsregelungen führten zu zusätzlichen wirtschaftlichen Risiken. Höhere Gehälter, die nicht vollständig refinanziert werden, belasten unmittelbar die Wirtschaftlichkeit. Pflegegradmix, Personalbemessung und Personalkosten haben auch nach der Reform ein steigendes Risiko einer Verschlechterung der Wirtschaftlichkeit.

Fachkräftemangel bleibt ein Problem

Das eigentliche Nadelöhr bleibe die Verfügbarkeit von Personal. Hölzer verweist auf Berechnungen des Statistischen Bundesamtes, wonach bis 2049 selbst unter günstigeren Annahmen rd. 280.000 Pflegekräfte fehlen könnten. Entscheidend sei deshalb, vorhandene Qualifikationen besser einzusetzen. Pflegefachkräfte sollten sich auf Fachkraftaufgaben konzentrieren, während Assistenz- und Hilfskräfte entsprechend ihrer Kompetenzen tätig werden.

Bei Digitalisierung und Assistenzsystemen erkennt Hölzer durchaus Möglichkeiten. Entscheidend sei aber, ob sich Anschaffung, Einführung und laufender Betrieb wirtschaftlich darstellen ließen. Bundesmittel könnten Investitionen unterstützen – sofern sie rechtzeitig ankämen. Nach seiner Erfahrung würden Fördermittel teilweise erst Jahre nach Antragstellung ausgezahlt. Für Unternehmen, die Investitionen planen und Technologien zeitnah einsetzen wollen, sei das kaum praktikabel.

Ähnlich differenziert fällt Hölzers Blick auf neue und hybride Versorgungskonzepte aus. Die vorgesehenen Regelungen könnten Vertrags- und Vergütungsstrukturen für Innovationen öffnen. Ob daraus tragfähige Geschäftsmodelle werden, hänge von der konkreten Umsetzung ab. Betreiber müssten prüfen, welches Klientel sie mit ihren Kompetenzen sinnvoll versorgen können und welche Leistungen wirtschaftlich abbildbar sind. Doch auch ein innovatives Konzept bleibe Theorie, wenn die dafür erforderlichen Mitarbeiter fehlten.

Kostendruck bleibt bestehen

Am grundsätzlichen Kostenproblem ändere die Reform nach Hölzers Einschätzung wenig. Löhne und andere Preise stiegen bereits heute. Pflegesatzverhandlungen und Refinanzierungsverfahren benötigten dagegen Zeit. Hinzu kämen verspätete Zahlungen von Kosten- und Sozialhilfeträgern. Daraus entstünden nicht nur Belastungen für das Ergebnis, sondern auch Liquiditätsprobleme. Hölzer spricht deshalb eher von Kostendämpfung und Kostenverschiebung als von einer strukturellen Lösung. Betreiber könnten nicht darauf warten, dass der Gesetzgeber alle Fragen klärt. Die eigentliche Strukturreform sei in einen späteren Schritt verschoben worden.

Offen bleibe vor allem, wer künftig welche Kosten und welche Verantwortung trägt. Hölzer fordert deshalb auch eine ehrlichere gesellschaftliche Debatte. Wenn Pflege länger zu Hause stattfinden soll, müssten sich Menschen und Familien früher damit befassen, wie Versorgung im Alter organisiert und finanziert werden kann. Die Reform verschaffe dem System Zeit. Eine langfristige Antwort sei sie noch nicht.